Geschichten von Denen, die einst hier lebten


Geschichtsforschung als Berufsbegleiter

 

Für eine Gästeführerin ist ständige Weiterbildung das Zauberwort, um interessante Führungen zu gestalten. Normalerweise verläuft dieser Prozess so dass es für ein Jahr ein besonderes Thema gibt. Industriekultur in Sachsen wäre es in diesem Jahr (gewesen). Ich hätte mir also die Literatur zu diesem Thema besorgt und mich dann in das Thema hinein gelesen. Ein paar Fakten aufgeschrieben, überlegt, wie ich es in meine Führung einbaue. Oder aber, ich hätte eine Lizenz im Winter erwerben können. Um dann, wie viele andere Führer auch, in einem Museum mein Wissen zu vermitteln.

 

So arbeiten wir Gästeführer normalerweise. Wir orientieren uns am Markt und sind bemüht, in vielen Bereichen wissend zu sein. Und das muss auch so sein. Wir wollen unseren Gästen etwas bieten. Und wir müssen eben auch damit unser Leben finanzieren. 

 

Wenn die Weiterbildung dann aber irgendwann immer zäher zu werden scheint, man mit einem Thema nicht "warm" wird oder man das Gefühl hat, das da schon genügend Fachkräfte unterwegs sind, denen das Thema eher liegt, wird es schwierig. Dann muss man seinen eigenen Weg finden. 

  

Der rückwärts betrachtete August der Starke

 

Die Themen, die mich interessieren, kenne ich. Sie basieren auf meinen Hobbies und auf meinem Interesse an Geschichte. Bisher bin ich immer den gelernten Weg gegangen. Aus dem, was ein Mensch im Leben erreicht hat entsteht Geschichte. 

 

August der Starke ist ein gutes Beispiel dafür, wie dieser übliche Weg verläuft. Er gehört zum sächsischen Allgemeinwissen, also liest man ein Buch zu seinem Leben. Da gibt es genug Material und es ist ja auch bekannt, wer er war und was er uns hinterlassen hat. Eine bedeutende Persönlichkeit für die Nachwelt starb 1733. Und damit beginnt sein Ruhm post mortem.

 

Nach meinen Erkundungen der letzten Wochen frage ich mich jetzt allerdings, welchen August ich für mich gesehen hätte, wäre ich nicht von all den Erkenntnissen der heute Lebenden ausgegangen, sondern wäre als erstes auf sein Grab gestoßen. 

 

Da gibt es schon das erste Problem. Kurfürst Friedrich August I. ist nicht in einer prunkvollen, öffentlich zugänglichen Grablege der Wettiner bestattet, wie es zum Beispiel im dänischen Königshaus üblich ist. Unser August ist ein wenig - dreigespalten. Und weil sein Herz so für uns Sachsen schlug, haben wir nur dies in der Gruft der Katholischen Hofkirche vorzuweisen. Nach der Flut 2002 sind leider nicht einmal mehr Besichtigungen möglich.

 

Sein Körper liegt in der Wawelkathedrale des Schlosses zu Krakau (und dort nicht gerade an repräsentativer Stelle). Seine Eingeweide sind in einer Urne in der Warschauer Kapuzinerkirche zu finden. Für unser heutiges Verständnis klingt das fast schon ungeheuerlich. Warum wird ein Mensch im Tod so getrennt bestattet? War dies üblich zu dieser Zeit? 

 

Es ist ein neuer Zugang zum Verständnis dieses Herrschers, sich diesem Totenkult etwas mehr zu widmen. Und die Geschichte dahinter ist sehr viel weitreichender und komplexer, als es scheint. Denn das WIE August der Starke bestattet wurde sagt etwas über die damalige Gesellschaft aus. 

 

Was wir heute über Dresden zur Zeit Augusts des Starken wissen, ist sehr viel. Aber es ist auch sehr viel Wissen, das von den Mächtigen bestimmt wurde und mit dem Selbstverständnis der damaligen Zeit konform war. Wir übernehmen dieses Selbstverständnis einer herrschenden Klasse vor 300 Jahren und interpretieren es für die heutige Zeit. Und genau da liegt die Einseitigkeit der Geschichte. Wir interpretieren sie aus dem Blickwinkel des Lebenserfolgs eines einzelnen Menschen.  

 

Die unsichtbare Gemeinschaft eines Rituals

 

Legt man alles, was man meint über Augusts Ruhm zu wissen, ad acta und lässt ihm nur seine Form der Teilbestattung - wer ist er dann? In welcher Gesellschaft befindet er sich? Mit Pharaonen, mächtigen Königen und Päpsten vereint durch ein jahrtausendealtes Ritual- es wirkt passend für diesen Herrscher. Aber wie "einzigartig" war unser August wirklich und wie verbreitet war diese Art der Bestattung? 

 

So viel sei vorweg genommen, die unsichtbare Gemeinschaft ist größer als wir es aus unserer Allgemeinbildung annehmen.

 

Geschichte aus einer neuen Perspektive

 

Der sächsische Hercules ist wohl das Meisterbeispiel, wie der Tod ein Leben gebührend abschließt. Aber was ist mit den kleineren Leuten, die eben nicht herrschten? Haben sie nicht auch Geschichten zu erzählen? Die kleinen, persönlichen Geschichten, die in der Summe und mit dem Hintergrund ihrer Zeit vielleicht Details einer Epoche verraten. Einblicke in die Seele einer Zeit ermöglichen, die nicht aus Zahlen, Kriegen und großartigen Bauten besteht.

 

Diese andere Perspektive eröffnet sich nur, wenn man den Ruhm der Lebenden vergisst. Nicht danach geht, welcher Prominente auf welchem Friedhof begraben liegt und dann seine Lebensgeschichte aufreiht. Das ist der bekannte Weg der Geschichtsschreibung. 

 

Grabmäler sprechen lassen, lesen, was die Hinterbliebenen zu diesem Menschen zu sagen hatten und dies als Ausgangspunkt nehmen - das ist die neue Perspektive. Einfach dem Instinkt folgen und sehen, wo der Weg hinführt, wen man an diesem bestimmten Tag antrifft und wer etwas aus seiner Zeit erzählen möchte kann sehr spannend sein. Wenn man offen dafür ist und die gewohnten Wege leichten Herzens verlässt. 

 

Wie interessant sind tote Prominente?

 

Es gibt sie für viele Friedhöfe. Die Führer zu den besonderen Grabstellen. Zu einem Mozart, einem Goethe oder einem Prominenten wie John Lennon. Fans der jeweiligen Person strömen auf diese Friedhöfe, laufen schnurstracks, mit dem Plan in der Hand, an Liese Müller und General Moritz vorbei. Und dann verharren sie andächtig für 5 Minuten vor einem Blumenmeer und einem Namen und gehen danach ins nächste Café, um vielleicht auch noch das Foto vom Grab als Beweis auf den sozialen Kanälen zu posten.

 

Ich hoffe, Sie gehören nicht zu diesen Menschen.

 

Diese Seiten werden keine Ansammlung der Prominenz vergangener Jahrhunderte auf Dresdner Friedhöfen. Dazu gibt es reichlich Material und jeder Lexikoneintrag einer Berühmtheit verrät Ihnen, wo diese Person liegt. Vielleicht verirrt sich aber das ein oder andere Mal ein ganz bekannter Vertreter zu mir. Weil sein Grab so außergewöhnlich ist oder weil da einfach etwas war, das mich zu ihm führte. Es ist keine Absicht. 

 

Wahrscheinlicher ist es, das ich über General Moritz oder Liese Müller berichte. Die kennen Sie nicht? Schade. Vielleicht war Liese ja Oberschwester und ihre Hinterbliebenen wollten dies der Nachwelt mitteilen. Und jeder kannte sie in ihrem Stadtteil als Oberschwester Liese. Sie zeigt uns Heutigen, wie sehr ein Mensch früher, über den Tod hinaus, über seinen Beruf definiert wurde. Ihr Grabstein kann die Sozialgeschichte eines ganzen Stadtteils eröffnen. Oder der General war doch nicht so unbekannt und er verrät mir etwas zur Belagerung von Paris im September 1870 durch die sächsische Armee. Wer weiß?

 

"Im Tod sind wir alle Gleich" sagt das Sprichwort. Im Umkehrschluss ist also jeder Mensch so interessant wie derjenige, dem die Blumen dargebracht werden. Und es ist gar nicht so schwer, den Plan und das Mobiltelefon aus der Hand zu legen und im Hier zu sein. Probieren Sie es aus - in der Stadt oder auf dem Friedhof, je nach Gemüt. Und wenn Sie mögen, kommen Sie mit auf die Entdeckungsreise der anderen Art! 


Auf Friedhöfen entdeckte (Lebens-)Geschichten:


Frau Caroline von Heygendorff

geb. Jagemann

geb. in Weimar am 25. Jan. 1777

gest. in Dresden am 10. Juli 1848

Friedhof: Trinitatisfriedhof


Frau Wilhelmine Beibler

geb. Höhne

geb. in Groß-Möhlau am 31. Juli 1837

gest. in Radebeul am 27. Juni 1909

 

Friedhof: Tolkewitzer Urnenhain


Frau Amalie Therese Wirthgen

geb. Klotzsche

geb. 28. April 1855

gest. 16. Dezember 1889

Friedhof: Kaditzer Kirchhof


A.Milde Dresden Johannisfriedhof Bild: Susann Wuschko

A. Milde & Co. Dresden - eine Giesserei wie ein Phantom...