Friedhöfe als Hobby - Wie kommt man denn auf sowas?


Meine Reise über die Friedhöfe begann ca. 1997. Und einer der Ersten, den ich bewusst als "anders" als den bekannten Dorffriedhof wahrnahm war der Innere Neustädter Friedhof. Ich wusste aus der wenigen Literatur, die mir damals verfügbar war und von den wenigen Internetseiten, die überhaupt existierten (ja, es gab eine Zeit VOR dem Internet, die ich noch kenne), das es da eine ganz unbekannte Welt gab. Und mir ist völlig bewusst, das diese Welt auch heute noch vielen Menschen völlig unbekannt ist und vielleicht auch immer verschlossen bleiben wird. Vielleicht sogar Angst macht oder als "es gehört sich nicht, die Toten zu stören" angesehen wird.

 

Das ist schade und es sollte eigentlich nicht so sein. Friedhöfe sind Stätten der Trauer. Es gehört sich, den Abstand zu wahren, die Stille zu achten und vor allem nicht querfeldein zu stürmen, nur um das schönste Bild zu schießen oder den Weg abzukürzen. Sie haben sehr viel mit einem Kirchenbesuch gemein, und so ist es für mich auch keine Frage, das man zum Beispiel nicht in Flip Flops und dem Strand-Outfit eintritt. 

 

Wenn auch Sie zu denjenigen gehören, die im Urlaub den Blick in die örtliche Kirche als selbstverständlich annehmen - die in Dresden "auf alle Fälle" auch einmal in die Frauenkirche schauen wollen -sind sie die richtige Person für einen Friedhofsbesuch aus kunsthistorischer Sicht. 

 

Denn Friedhöfe sind eben nicht nur für die Toten bestimmt. Sie sind für die Lebenden. Die Hinterbliebenen. Und damit sind nicht nur die Menschen gemeint, deren direkte Angehörige hier liegen. Für diese wurden nicht die prunkvollen Gräber errichtet. Wir alle sind die nächste Generation- die Hinterbliebenen. Und ein Parkfriedhof wie Ohlsdorf oder ein Johannisfriedhof in Dresden haben kaum etwas gemein mit dem Symbolbild der aneinandergereihten, genormten Gräber wie wir sie heute anlegen.

 

 

Zufälle gibt es nicht- wie ein Erdloch den Lebensweg begleitet

Historische Friedhöfe im speziellen sind ein ganz eigenes Thema der Landschaftsarchitektur. In der Enge der Großstadt sind sie nicht nur ein Rückzugsort für Tiere und Pflanzen, sie wurden als Erholungsort für die Menschen bewußt geschaffen. In einer Zeit, in der die Industrialisierung die Menschen bis zu 14 Stunden in einer Fabrikhalle gefangen hielt und die eigene Wohnung meist nur aus 1-2 Zimmern für die gesamte Familie bestand, waren Parks und Grünanlagen die einzige Ausflucht. Raus aus dem "Karnickelstall" der Mietshäuser - am Sonntag am besten mit der ganzen Familie. Wie ich wohl in Zeiten von Corona und der Ausgangsverbote genau auf dieses Thema komme ist wohl offensichtlich...

 

Die Rückbesinnung auf das, was man einst im Leben vorhatte tut da ein Übriges. Die Friedhöfe brachten mich einst zum Studium der Landschaftsarchitektur. Dort sah ich mich - im Gestalten von Friedhöfen oder im kulturhistorischen Kontext dazu. Forschung betreiben, gegen das Vergessen angehen. So war der Plan und so handelte meine erste Semesterarbeit vom Ohlsdorfer Friedhof. Und schon damals wurde mir gesagt, das dies ein eher ungewöhnliches Thema sei für ein Erstsemester.

 

 

Ungewöhnlich war es dann nicht, in einem schlammigen, kopfhohen Erdloch zu enden. Das ist die andere Seite der Landschaftsarchitektur und sie hat grundsätzlich erstmal rein gar nichts mit dem Ausheben eines Grabes zu tun, auch wenn das Bild so erscheinen mag -dabei geht es um die Bestimmung von Bodenhorizonten. Genau diese bodenchemische Seite der Landschaftsarchitektur war nun aber überhaupt nicht meine Sache und die Enttäuschung wurde groß. Das war im Jahre 2002.

 

Es mussten 18 Jahre vergehen, bis ich mich dabei ertappte, eine Diplomarbeit einer jungen Dame über die Zusammensetzung von Friedhofserde zu lesen. Ein Grab voller Brennesseln hatte mich dazu geführt. Und plötzlich lese ich da wieder etwas von Bodenhorizonten, chemischer Zusammensetzung und welchen Einfluss dies auf die Pflanzen und das Grundwasser hat. Manchmal braucht es eine wirklich sehr lange Zeit bis die Dinge, die man einst als quälend und unnütz ansah plötzlich Sinn machen. Und dann steht man wieder gedanklich in diesem Erdloch und denkt sich: Ja, genau so musste es kommen.

 

Wie einen das Leben "erden" kann

 

14 Jahre Selbstständigkeit als Gästeführer. Das bedeutet erstmal, seinen Weg zu finden, um Geld zu verdienen. Sich behaupten. Den Markt bedienen. Das fühlt sich richtig an, so ist das Leben. Das ist der Weg, den man vom Leben erwartet und den ich mitlaufe. 

 

Gleichzeitig begleiten mich die Friedhöfe und die ganze Thematik des "Werdens und Vergehens" und sind mal mehr, mal weniger präsent. Nach all den Jahren tauchten sie nun aber in voller Pracht aus der Versenkung auf. Gleichzeitig und ohne mein Wissen wurden sie zum Immateriellen Kulturerbe ernannt. Das war im März 2020- da beschloss ich gerade, meine Spaziergänge auf Friedhöfen wieder aufzunehmen und "irgendwas" damit im Zusammenhang mit Gästeführungen zu tun. Ohne Plan. Zufall?

 

Ich glaube nicht mehr an Zufälle. Das Leben führt einen auf seltsame Wege. Und irgendwann im letzten Jahr bog ich an einer Kreuzung ab -weg von dem Weg, den ich mitlief. Das Leben hat mich geerdet und ich bin wieder bei meinen Wurzeln angekommen. Und so kann ein Hobby zum neuen Thema werden.