Von der Suche nach einer Gießerei namens Milde...und wie sie mich zu einer Tür führte


A. Milde & Co. Dresden Bild: Susann Wuschko

Auf der Spur der Dresdner Skulpturen

A. Milde & Co.- Dresden. Wahlweise auch mit Erzguss oder Gießerei im Namen. Ich stolperte über diese Firma, nachdem ich über den Zusammenhang von WMF und die Galvanoplastik schon ein wenig wusste. Es gibt schließlich auch andere Grabskulpturen und andere Gießereien. 

 

Als Sächsin war mein Ehrgeiz geweckt, die anderen lokalen Firmen zu finden. Gab es diese? Wenn ja, wo fand ich Material zu ihrer Geschichte? Irgend woher müssen doch auch die Skulpturen in der Innenstadt kommen- das Johann-Denkmal oder der erste König von Sachsen, Friedrich August der I., an welchem ich seit Jahren mit DresdenWalks meine Touren starte. Ich hatte nie die Muße, das herauszufinden, und wohl auch nie die Zeit dafür. Und damit meine ich nicht die Künstler, die den Entwurf lieferten. Ich meine die Handwerker, die den Entwurf in Metall verwirklicht haben. 

 

Ich hatte nicht gedacht, das es in einer Odyssee der Dokumente und des quer Lesens enden könnte, um überhaupt erstmal eine Übersicht über die Skulpturen des 19. und 20. Jahrhunderts zu bekommen! Vorweg: Über die Kunstgießerei in Lauchhammer werde ich an anderer Stelle berichten, das ist eine ganz andere Geschichte und wie bekannt diese Firma in der Welt war und noch ist, wissen die wenigsten Sachsen, fürchte ich.

 

 

Edgar Rietz Johannisfriedhof Dresden Erzguss A. Milde Bild: Susann Wuschko
Grabmal Edgar Rietz Johannisfriedhof Dresden

Das sich vor allem eine Firma so zieren könnte, das ich fast aufgegeben hätte, hielt ich nicht für möglich. Aber ich bin hartnäckig und vielleicht stoßen Sie ja auch mal auf so einen Hinweis an einer Figur (In der Dresdner Heide dürfen Sie gerne mal das Albert-Denkmal unter die Lupe nehmen...) und fragen sich dann, warum Sie als alteingesessener Dresdner noch nie etwas von dieser Firma A. Milde  Co.- Dresden gehört haben.

 

 

Eine Firma wie ein Phantom...

Logisch ist es, direkt nach diesem Namen im Internet zu suchen. Und sie werden außer einem Brunnen, einer kleinen Werbeanzeige auf einem alten Foto und ein paar Auktionskatalogen zu Bronzeskulpturen kaum etwas finden. Wenn man etwas variiert kommt man auf die SKD und ihre Skulpturensammlung. Auch da ist also A. Milde Dresden vertreten. Selbst die Fachlektüre zur Bronze-und Galvanoplastik in Dresden, herausgegeben vom Landesamt für Denkmalschutz verrät Ihnen nur, das es neben den großen Firmen in Berlin und München noch ein paar kleinere, unbedeutendere Kunstgießereien in Dresden gab wie eben A.Milde und Pirner und Franz.

Der nächste Schritt wäre wohl nun der Blick ins Archiv. Alte Adressbücher aufdecken, ganz tief graben. Nicht möglich dank Covid-19...

 

Oder- den Dresdner Nationalstolz weglassen und einfach nur nach dem Namen A.Milde und Co. suchen, so wie es auch manchmal auftaucht. Und hoffen, das es eine Fehlinterpretation ist, das diese Firma so klein und unbedeutend war- schließlich taucht der Name immer wieder auf- auch beim Grabmal von Karl May. Dort sagt Klara in ihren Aufzeichnungen 1902 nur ganz lapidar, das sie noch bei Milde war- als wäre diese Firma so bekannt das man nichts ergänzen müsste.

 

Ein Georg Wrba hat seinen Entwurf des Marienbrunnens nicht einem Winzling anvertraut- dafür ist die Qualität des Brunnens zu gut. Und die Firma musste über die notwendige Ausstattung für so ein Projekt verfügen. Letztendlich fertigten sie Grabskulpturen für Dresdner Friedhöfe an und eine Christusfigur ist auch auf dem Döbelner Friedhof nachweisbar.

 

Eine ganz andere Wendung...

Haben Sie schon einmal etwas von der Firma Waagner Biro gehört? Oder vielleicht von der Kuppel des Reichstags in Berlin? Dem Yas Marina Hotel in Abu Dhabi? Oder dem Glasdach des Britischen Museum in London? Vielleicht sind Sie auch schon einmal über eine der über 5000 Brücken gefahren, oder standen vor einer der Bühnen, die diese Firma weltweit schon erschaffen hat.

 

Wenn mich die Geschichte der WMF und der Galvanoplastik etwas gelehrt hat, dann alles für möglich zu halten. Die Geschichte geht seltsame Wege, und so ist es möglich das eine kleine, unbedeutende Kunstgießerei zum heutigen Großunternehmen beigetragen hat. Und die Geschichte beginnt in Mähren in der heutigen Tschechei.

 

Ein kleiner Schlossergeselle wird Großindustrieller

Warum man die Firma Adalbert Milde & Co., wie sie ausgeschrieben ab 1895 genannt wurde, nicht findet ist ein ganz Einfacher. Es gibt keinen Adalbert Milde. So gerät man auf eine völlig falsche Spur und übersieht dabei einen anderen Herrn Milde, der in Wien ansässig war. Und der Albert hieß...

Erst in einem Beitrag über die Architektur des Stadlauer Werkes bei Wien stieß ich auf den entscheidenden Hinweis. 

 

In den 1850er Jahren gründeten sich mehrere Firmen, unter anderem eine Eisenhandlung unter Rudolf Philipp Waagner und eine Schlosserwerkstätte unter Anton Biró aus Ungarn.

 

Ein Albert Milde, der 1839 in Mähren geboren wurde und ausgebildeter Schlossergeselle war, gründete 1863 seine eigene kleine Schlosserei in Wien. Er wird zur Entwicklung des Wiener Kunstgewerbes maßgeblich beitragen und wird durch seinen hohen Absatz und seine Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Museum bald sehr bekannt in Wien. 1873 taucht er erstmals in der ersten Reihe der Wiener Kunstindustriellen bei der Wiener Weltausstellung auf, schon damals glänzt er durch seine großen Eisenbaukonstruktionen. Sein Weg geht steil nach oben, er wird zum Ritter ernannt und wird k.u.k. Hof-Schlosser. Der Betrieb ist auf dem Höhepunkt und es kommt zu Niederlassungen und Werkstätten in London, Paris, Dresden, Laibach und Lembach.

 

Doch plötzlich sinkt der Absatz, die Firma ist zu groß und Milde gerät in finanzielle Schwierigkeiten. Ihm fehlte wohl der kaufmännische Sinn. Er muss die Firma an eine Kommanditgesellschaft abgeben und wird nur noch als Mitarbeiter tätig sein. Die Leitung übernimmt 1895 der Schweizer Kaufmann Adalbert Kurz, und um 1904 kommt es zur Fusion mit der Firma des oben erwähnten Anton Biró. Ein Jahr später fusioniert man dann mit Waagner, und der neue Firmenname wird R.Ph.Waagner L. und J. Biró & A. Kurz. Nach 1905 ist es also aufgrund des Firmennamens nicht mehr möglich, die einstige Firma Milde in diesem Großkonzern zu finden.

 

Anscheinend trugen die Niederlassungen den (verwirrenden) Namen weiter, denn der Marienbrunnen ist 1910 entstanden und weist den Namen Adalbert Milde auf. 

 

Der eigentliche Namensgeber Albert Milde stirbt 1904 völlig verarmt. Er war zwar für seine künstlerischen Leistungen berühmt und auch sehr beliebt, aber von dem Imperium, das er einst mit schuf, hat er nicht profitieren können. Und so kommt es, das eine anscheinend kleine, unbedeutende Gießerei in Dresden eine hervorragende Qualität im Sinne des Kunstgewerbes liefern konnte.

Die Tür zu einer unbekannten Geschichte

Die Geschichte könnte hier zu Ende sein. Aber den Ausschlag dafür, diese Zeilen zu schreiben und damit hoffentlich ein wenig unbekannte Geschichte wieder aufzudecken gab eine Tür, die vielleicht auch Sie schon einmal bemerkt haben. Oder auch nicht, man kommt so selten an den Wettiner Platz. Und in den letzten Jahren hat er sich sehr stark verändert.

 

Der Freiraum wurde neu gestaltet und erinnert an die alte Jakobikirche, die hier bis 1945 stand. Die Bankreihen bilden die Kirchenbänke von einst. Die Kirchenruine wurde abgerissen- aber die Festtür konnte erhalten werden und steht nun, konservatorisch geschützt auf dem seit 2011 neu gestalteten Platz. Sie gilt als künstlerisch sehr wertvoll und wurde vom Bildhauer Hans Hartmann Mac-Lean entworfen. Auf vier Feldern wird der Sündenfall, die Kreuztragung sowie die Erschaffung Adams und die Himmelfahrt dargestellt.

 

Sie können nun wohl schon ahnen, wer dieses Bronzegussportal 1902 geschaffen hat.

 

A. Milde & Co. Dresden