Strukturwandel Lausitz- alte Heimat, unbekanntes Neuland oder kulinarischer Kulturschock?


Lange war es hier ruhig- doch im Hintergrund passiert gerade sehr viel. In der Vergangenheit versuchte ich immer, ein historisches Thema oder ein Fundstück dafür zu nutzen, meine alte Heimat- die Krabatregion in der Lausitz- zu beschreiben und Hintergründe näher zu bringen. Meine Perspektive war die der außenstehenden Gästeführerin. Das war einfach und recht emotionslos. Wenn wir Touristiker eine Region erkunden, um über sie zu berichten- sie unseren Gästen näher zu bringen, dann haben wir gelernt, dies wie folgt zu tun:

 

Wo sind die Highlights, WO und vor allem WAS gibt es zu essen und ganz wichtig: WO IST DIE NÄCHSTE TOILETTE für meine Gäste? Wir erarbeiten einen Tagesplan, achten darauf, wo der Bus entlang fahren kann, wo er parken kann. Wer bietet Programmpunkte wie z.B. Führungen an, wie ist es zeitlich zu schaffen?

 

Dies ist die Arbeitsweise eines traditionellen Gästeführers, welcher eine neue Tagestour plant. Solche Programme erwarteten Busunternehmen und Reiseveranstalter von uns bisher. Doch die letzten Jahre haben den Tourismus ordentlich erschüttert- und auch die Reisenden haben sich verändert. 

 

Neues Ziel: Lausitz

 

Seit Jahren versuche ich, bei meinen Führungen in Dresden wenigstens ein wenig Lausitz und die Geschichte der Sorben einzubringen. Seit Jahren höre ich dasselbe: Kenne ich nicht, nie davon gehört. Krabat? Wenn 2 Gäste im ganzen Bus damit etwas anfangen können, ist das ein guter Schnitt. Der große Held der Sorben- ein Underdog im Tourismus-Sektor außerhalb der Lausitz. Die Lausitz an sich- Second Destination. Der Geheimtipp. Und immer wieder die Vorurteile, wenn jemand etwas davon gehört hat: Rechtsradikale, AFD-Wähler, zurück geblieben in der Entwicklung.

 

Als gebürtige Lausitzerin muss ich manchmal recht stark sein, um das zu entschärfen, Meinungen aufzuweichen- Interesse zu wecken. In den letzten 3 Jahren wurde es zur "Aufgabe", Besuchern der Landeshauptstadt Dresden zu vermitteln, dass dort hinter Dresden- gen Osten- noch was kommt. Es eben nicht so ist, wie die Vorurteile es beschreiben- es ist so viel komplexer. Ich versuche, die Lausitz als neues, bisher unbekanntes Ziel zu vermarkten, ganz klar. Das ist mein Beruf, dafür lebe ich seit 2006. Bis jetzt- mit allen anderen Zielen, war es einfach- denn sie waren bereits auf das, was kommt, vorbereitet und hatten "von Natur aus" etwas Anziehendes. Aber ist die Lausitz das auch?

 

Region der Zukunft- Hightech statt Kohle

 

Liest man derzeit die Wirtschaftsmeldungen zur Lausitz, dann wird einem schnell schwindelig. Zigtausend neue Arbeitsplätze im Hightech- Bereich werden in den nächsten Jahren entstehen, die Lausitz boomt- DAS ist die Region der Zukunft für saubere, umweltfreundliche Industrie! Vorreiter in Europa- ach was, der Welt! Wer einen Einblick in dieses Geschehen möchte, kann sich gern dieses Video ansehen- nur ein Einzelbeispiel für die gigantische Welle der Langzeit-Veränderung und der Visionen, die hier auf eine strukturschwache Region treffen.

 

 

Der erste Nachweis für den Fund eines Braunkohleflözes in der Lausitzer Region datiert auf das Jahr 1789 im heutigen Bereich von Lauchhammer-Mitte, doch erst seit den 1890er Jahren wird die Braunkohle als Energielieferant interessant und in den folgenden Jahrzehnten, vor allem nach dem 1. Weltkrieg, graben sich die Abbaustätten immer tiefer und weiter in die Erde der Lausitz. Sie prägen nicht nur eine Landschaft, sie prägen auch die Menschen, die hier leben.

 

Harte, körperliche Arbeit steht im Vordergrund- aus dem Bauernsohn der Wenden und Sorben wird der Kumpel, der Zuzug neuer Arbeitskräfte lässt kleine Ackerbürgerstädte wie Hoyerswerda oder Cottbus zu Großstädten anwachsen. In der DDR werden Männer wie Frauen einen Großteil der Energie für einen ganzen Staat fördern. Als Bergmann- oder auch -frau war man Wer- die Lausitz hatte Bedeutung und die Menschen hatten eine Aufgabe, die geachtet wurde. Und dann kam die Wende... Abbau der Industrien, Wegzug der jungen Menschen- und die Erkenntnis, das die Kohle nicht die Zukunft sein kann. Denn damit graben wir uns das eigene "Klimagrab". Es muss aufhören. Besser gestern als morgen. Eine ganze Region steht plötzlich ohne Zukunft da. Und das nicht etwa nur für einen Moment, sondern für Jahrzehnte. Nicht nur in einem Wirtschaftssektor, sondern auf der gesamten Front- die Lausitz stirbt seit 1990 aus und wird zum Wohnort derer, die nicht mehr wegziehen können. Eine Region, die nur noch auf den Todesstoß wartet?

 

Wiedergeburt im Untergang

 

Wer dieses Bild der Lausitz transportiert- wer denkt, dies wäre die Realität östlich von Dresden, irrt gewaltig. Im gleichen Moment, als die Wiedervereinigung ihre neuen Freiheiten über den Osten brachte, nutzten Lausitzer diese neuen Chancen. Nicht Alle hielten Schritt, für Viele brach eine Welt zusammen, das darf man nicht übersehen. Sie wurden sozial abgehängt, denn ihre Bedeutung für die Gesellschaft war plötzlich nicht mehr sichtbar.

 

Andererseits gab es die Vordenker- die Visionäre. Sie organisierten, sie engagierten sich, sie ließen nicht locker. Diesen hartnäckigen, manchmal sturen Menschen verdankt die Lausitz heute sehr viel. Aus Tagebaurestlöchern wurde ein ganzes "Seenland", aus der Sage der Sorben um ihren berühmten Zauberer wurde eine "Krabatregion" geboren. Das Zittauer Gebirge trumpft mit Wandern und Schmalspurbahn, der Spreewald mit Kahnfahrten. Görliwood trifft auf Via Sacra, Bautzen trumpft mit Mittelalter-Flair trotz über 30 Stadtbränden in der Geschichte auf. Selbst aus den Metall-Dinosauriern der Kohle macht man ein Erlebnis- und egal wo- Fahrrad fahren ist anscheinend der Volkssport der Lausitzer!

 

Was hindert uns eigentlich daran, diese Region zu entdecken? Offen auf die Menschen zuzugehen- denn sie sind offen für Neues und andere Ansichten, das kann ich Ihnen versichern! Ganz einfach- wir glauben, die Region zu kennen. Wir glauben, was man uns in den Medien zeigt. Und diese waren im Laufe der Zeit mehr als unfair mit den Menschen, die sich engagieren- die eben nicht aufgegeben haben. Ein sehr einseitiges Bild wurde transportiert. Doch früher oder später erwischt es jeden: Eine Minderheit fällt negativ auf, die Presse ist zur Stelle, ein Bild wird erschaffen- mittlerweile hat wohl jede Region oder Stadt ihren "Stempel" aufgedrückt bekommen, obwohl die Mehrheit der Menschen vielleicht ganz anders tickt.

 

Also alles ganz goldig hier im Osten?

 

Bei aller Liebe zur alten Heimat: es ist nicht so einfach, wie sich manch Einer den Strukturwandel in der Lausitz vorstellt. Und genau an dieser Stelle bin ich eben nicht nur Touristikerin, sondern auch Mensch. Ich könnte Ihnen in der Zukunft sehr hübsche Touren anbieten. Krabat-Milchwelt, Krabat-Mühle, vielleicht noch ein Eis am Leuchtturm in Geierswalde. Das hätte ich auch schon vor 10 Jahren gekonnt- diese touristisch orientierten Highlights gibt es schon länger. Ich hatte dies auch versucht- aber leider hat es Keinen interessiert...

 

Seit 3 Jahren habe ich den Kontakt zu meiner alten Heimat wiedergefunden. Habe Einblicke in die Vorgänge dahinter bekommen, habe das Engagement der vielen Akteure erfahren. Die Lausitz summt im Untergrund wie ein Bienenstock- alles ist in Aufruhr- man WILL etwas ändern, man denkt positiv. Und immer ist da auch der soziale Gedanke: niemanden abhängen, die eigenen Leute anhören, mitmachen im Verein statt Verantwortung an kapitalistisch orientierte Firmen abgeben. Das ist alles richtig- das erlebe ich in der Großstadt nicht. Die Lausitzer sind einerseits die ideale Basis für eine neue, sozial ausgerichtete, nachhaltig wirtschaftende Gesellschaft. Die Industrien und Investoren sind hier genau richtig, wenn es um das Menschliche, um den Willen zum Mitgestalten geht.

 

Und dann ist da die andere Seite: Die Lausitz leidet unter Kurzsichtigkeit. Miteinander in der Kommune- Ja. Miteinander mit den Akteuren im größeren Radius? Da schlägt die Politik durch. Grenzen in den Köpfen, weil deutsche Verwaltungsstrukturen völlig veraltet sind in einem vereinten Europa. Können wir nicht, geht so nicht. Sätze, die mich als Touristiker wirklich aufregen. Tourismus macht nicht vor Verwaltungsgrenzen halt! Wer nur sich selbst bewirbt, vergeudet einfach nur Energie- es ginge oftmals viel einfacher und sogar kosteneffizienter.

 

Die Kurzsichtigkeit spürt man dann leider auch im eigenen Verständnis, wie die Außenwelt die Lausitz wahrnimmt. Man selbst denkt, man sei bekannt. Es kommen doch schon so viele Touristen... JEDER ist Tourist, selbst wenn man im eigenen Dorf in die Gastronomie geht und dort speist, ist man GAST in der eigenen Region. Der Begriff Tourist weckt falsche Assoziationen. 

 

Wirtschaft und Tourismus sowie das Leben vor Ort werden auf unverständliche Weise separiert: Die Wirtschaft will Fachkräfte anwerben und bietet alles Mögliche an Vergütungen, Home-Office etc. Und übersieht, das die Region erstmal attraktiv genug sein muß, um dort überhaupt leben zu wollen. Dann werden wieder die touristischen Highlights aufgefahren: Badeseen, Fahrrad fahren etc. Grüne, saubere Zukunft für die Menschen der Zukunft.

 

Die Lausitz und die "Neuen Lausitzer Genießer"

 

Als Mensch der Großstadt bin ich zugegebenermaßen verwöhnt. Ich erwarte ein bestimmtes Grundangebot, um mich im alltäglichen Leben wohl zu fühlen. Dazu gehört zuallererst das Befriedigen eines Grundbedürfnisses: Essen. Egal wo ich bin- im Urlaub oder im Alltag: Essen bestimmt einen Großteil meines Lebens- weil ich nicht ohne leben kann- so wie wir alle. 

 

In der Lausitz werden derzeit Steine ins Rollen gebracht, um attraktiv für junge Fachkräfte zu werden. Fachkräfte, die in Großstädten studiert haben, die Welt bereist haben, wahrscheinlich einer Generation angehören, die Umweltschutz vornan stellt- und die eine ganz eigene Esskultur einfach voraus setzt. Bio, nachhaltig, am besten vegetarisch oder gar vegan (zur Info: ich bin keine "Grünzeug-Radikale", auch ich esse Fleisch). Keine Zusatzstoffe, kreativ, weltoffen. In Großstädten kein Problem- das Angebot wächst täglich. Mit Schnitzel und Pommes holt man hier kaum noch einen jungen, dynamischen Menschen ab. Die obligatorische verkochte Gemüse-Kartoffel-Alternative zum Fleischgericht hat ausgedient. Auch den Kindern möchte man nicht mehr die ewig gleichen Pommes mit Chicken Nuggets zumuten. Es muß frisch, reich an Gemüse und leicht sein. Und an dieser Stelle hat die Lausitz ein Ernährungs-Problem.

 

Ich möchte den Namen des beliebtesten Supermarktes der kleinen Lausitzer Region, auf die ich mich beziehe, nicht nennen- denn es ist nicht die "Schuld" des Marktes, welche Produkte er anbietet, sondern die Nachfrage, die das Angebot macht. Als Mensch der oben genannten Erwartungshaltung stolpere ich- so wie wohl auch der Tourist, dem man stolz diesen Supermarkt empfiehlt- in ein Billig-Angebot an Fleischkäse und diverser Würste. Weiter geht es mit  einem Backstand, der eine undefinierbare Wrap-Rolle "Vegan" als einzige tierfreie Option im Snack-Bereich bietet und einem Selbstbedienungsrestaurant, in dem schwere Mittagsangebote mit Bezug zur bäuerlichen Esskultur den scheinbar besten Absatz haben und kein einziges Gericht an diesem Tag fleischfrei daherkam. Wer eine Salatbar erwartet- Fehlanzeige. 3 fertige Salatschalen zum Mittagsangebot (alle mit Fleischanteil) müssen reichen. Pizza, Grillhähnchen und Fischbrötchen komplettieren das Sortiment. Im Supermarkt selbst Reihen von Convenience-Food und Frischetheken, bei denen die Zutatenlisten der Produkte Fragen aufkommen lassen. Eine Fleischabteilung, die ich so noch nirgends gesehen habe, trumpft mit rosaroter Frische, Masse und unschlagbaren XL-Angeboten auf. Die Gemüseabteilung liegt eher im Halbdunkel (Wo ist das Beleuchtungskonzept und die Präsentationslust geblieben?) und wirkt zweitrangig neben der riesigen Sekt-und Alkohol-Abteilung, die wieder strahlt. Dieser Supermarkt hat auch so "verrückte Sachen" wie Bulgur-Päckchen oder spezielle Gewürze kleiner Anbieter zu bieten- diese sind so verstreut und versteckt, das sie verloren gehen. (Ich sehne mich in solchen Situationen nach Frankreich zurück- aber leider hat Deutschland keinen "Grand Frais" und nicht annähernd das Händchen für Lebensmittel-Präsentation, das wäre zu viel erwartet.)

 

Wenn ich etwas auf meinen Reisen gelernt habe: die Supermärkte einer Region spiegeln die Mentalität und Lebenseinstellung der ansässigen Bewohner besser wieder als jegliche Studie. Zeig mir, was du isst, und ich sag dir, wer du bist. In dem Sinne hoffe ich, das die Lausitz auch das begreift: Wer als nachhaltige Region der Zukunft gelten will, muss da anfangen, wo es ums tägliche Überleben und das Wohlgefühl geht. Wer neue Arbeitskräfte anlocken will, braucht ein Konzept, das beim Supermarkt ansetzt und sich dann auf Wohnen, Freizeit, Arbeiten etc. ausbreitet.

 

Anfänge einer neuen Esskultur habe ich in der Lausitz bereits in kleinen Cafés und Restaurants entdeckt, ich hoffe, das die Zukunft mehr Chancen für individuelle Anbieter und kreative Köche bietet, wenn der Strukturwandel wirklich in den Köpfen ankommt. Traditionell haben unsere Vorfahren auch nicht täglich aus dem Vollen geschöpft, wer sich also auf die Geschichte der sorbischen Esskultur beruft, tut gut daran, gesunde Alternativen anzubieten- denn so lebte die Region für Jahrhunderte: regional, saisonal, nachhaltig- und Fleisch war etwas Besonderes und nicht billiges Alltagsessen.

 

Tourismus neu gedacht

 

Doch was hat das alles mit Tourismus zu tun? Das sieht der Besucher doch nicht, wenn er nur einen Tag zu uns kommt?

 

Wer Tourismus heute noch als Tagesgeschäft denkt- die schnelle Nummer zum Geld verdienen, liegt falsch. Der Lausitzer Tourismus kann sich nur entwickeln, wenn er auf die Gäste setzt, die bereits da sind, oder mehr von den Gästen erreicht, die zur Lausitz passen. Und dies sind die Individualgäste, welche in Ferienwohnungen oder auf Campingplätzen eine oder sogar 2 Wochen verbringen, sich selbst versorgen und eben nicht tagtäglich ins Restaurant gehen- dank derzeitiger Entwicklung wird die Selbstversorgung noch zunehmen. Und letztendlich ist Einkaufen in einem "anderen" Supermarkt wie daheim ein Teil des Urlaubs-Erlebnisses. Wenn dann das erwartete Angebot für die "Städterfamilie", welche die Lausitz kennenlernen will, mit der Realität nicht übereinstimmt und hungrige Mägen den Tag vermiesen, will keiner länger bleiben... und somit vergibt die Lausitz unbewusst Chancen, die Arbeitskräfte der Zukunft jetzt schon für sich einzunehmen.

 

Nach 20 Jahren Tourismus weiß ich eines mit Sicherheit: die Bratwurst auf die Hand reicht heute nicht mehr aus, um die viel individuelleren Wünsche moderner Gäste zu befriedigen. Die eingangs erwähnte Methode, wie man Touristen in eine Region führt, wird in der Lausitz nicht funktionieren, da hier nicht die schöne, natürliche Landschaft als Grundlage dienen kann, sondern die Menschen die Region seit Jahrhunderten erschaffen und prägen. Der Strukturwandel wird eine Mammutaufgabe mehrerer Generationen werden- es ist die Aufgabe der jetzigen Lausitzer, die Region erstmal an aktuelle, moderne Grundbedürfnisse anzupassen und sich selbst auch diesen zu öffnen, um dann in die Zukunft zu starten.