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Der Taucherfriedhof in Bautzen - Gevatter Tod in der "Stadt der Schiffe?"


Bautzen goldenes Schiff Reichensttrasse Bild: Susann Wuschko

Das Bautzen sich gern als die 1000jährige rühmt, weiß jeder Sachse. Viele wissen vom gelben Elend zu berichten, weniger werden es, wenn es um den Schiefen Turm geht und noch weniger Bautzen- Besuchern (und Anwohnern?) ist bekannt, was für einen großen Hafen diese Stadt haben muss. Das glauben Sie nicht? Bautzen ist zu weit weg vom Meer, um für den Schiffsverkehr attraktiv zu sein?

 

Nun, so gesehen haben Sie recht, die Spree ist so niedrig, das sie wohl kaum zur Einfahrt großer Handelsschiffe taugt. Aber irgendwie hat es diese Stadt mit ihren Schiffen- oder wie erklären Sie sich, dass die Darstellung von Segelschiffen in einer Stadt in der Oberlausitz bis zum Friedhof reicht? 

Taucherfriedhof Bautzen Schiffe Bild: Susann Wuschko

Das Handelsschiff erreicht den letzten Hafen...

Aufgetakelte Schiffe gibt es reichlich in Bautzen zu sehen- vor allem im Bereich der Reichenstrasse und des Hauptmarktes wussten die reichen Händler seit Jahrhunderten an ihre weitreichenden Handelswege zu erinnern. Goldene Schiffe in voller Fahrt symbolisieren das erfolgreiche Bezwingen des Lebensmeeres- mit seinen Höhen und Tiefen. Doch bei all dem Glück darf man nie vergessen, wer da mitsegelt an Bord- Gevatter Tod.

 

Bisher fand ich diese zwei Symbole- das Schiff und Gevatter Tod- niemals so oft und so nah beieinander wie auf dem Taucherfriedhof. Vielleicht ist es aber genau dieser Umstand der völlig marinefreien Stadt, der diese Häufung so ungewöhnlich macht- keiner der hier Ruhenden starb wohl wirklich bei einem Schiffsunglück im herkömmlichen, nichtkriegerischen Sinne!

 

Auf einem Schifferfriedhof am Meer wäre es ein völlig gewohntes Motiv- aber in der sorbischen Oberlausitz wirkt es eher ungewöhnlich. Und nur mit dem Wissen um die Symbolik der Grabmalskunst vergangener Zeiten durchschaut man diesen ganz besonderen, oftmals leider wenig beachteten Friedhof.

 

Real gewordenes Memento Mori

Wenn Sie um 1800 gelebt hätten und den Taucherfriedhof besuchen würden, den es bereits seit 1523 gibt und der nach einer der vielen Pestepidemien vor den Toren der Stadt entstanden war, dann könnten Sie mit Sicherheit Eines nicht übersehen:

 

Wir sind alle sterblich. Die Zeit läuft ab und eines Tages sind wir alle nur noch Staub...

 

 

"Hier ruhen nun die abgelebten Glieder

Bis sie dereinst aus ihrem Moder wieder

Verklärt zum beßern Leben auferstehn."

 

 

Inschrift Taucherfriedhof Bautzen Bild: Susann Wuschko

 

Sollten Sie ein Freund morbider Lyrik sein, sind Sie hier richtig, denn zu lesen gibt es genug. Unsere Vorfahren des frühen 19. Jahrhunderts fanden sich nicht mit der Nennung von Namen und Daten ab, Sie teilten ihren Lebenslauf mit. Und ihre Glaubensansichten und gerne auch sämtliche verwandschaftlichen Verhältnisse. 

 

Das Schöne am Taucherfriedhof ist, das diese Texte meist recht gut lesbar sind- trotz ihres Alters und des verwendeten Sandsteins geben offensichtlich Restauratoren und Friedhofsverwaltung viel Energie und Herzblut, damit die Grabmäler möglichst etwas geschützt sind oder behutsam restauriert werden. Um so trauriger ist es wohl, das nicht jeder Friedhof diese Möglichkeiten hat und zum Beispiel auf dem Inneren Neustädter Friedhof die Grabmäler aus der gleichen Epoche nur so vor sich hinbröseln- und das liegt nicht am fehlenden Willen der Zuständigen sondern einfach nur an der desaströsen Finanzlage.

Taucherfriedhof Bautzen Grabmal Schramm Bild: Susann Wuschko
Grabmal der Familie Schramm (später Rietzschlersches Erbbegräbnis), um 1700

Für Romantiker mag diese Überdachung unpassend wirken, doch wenn dies nun einmal eine einigermaßen finanzierbare Lösung ist, um erstmal den weiteren Verfall zu bremsen, ist dies absolut akzeptabel und die Hoffnung besteht das nicht alles verloren ist. Die Alternative wäre wohl das Einlagern und Wegschließen, womit diese Bildhauerarbeiten dann gar nicht mehr öffentlich in Erscheinung treten würden.

 

Aber genau das macht auch den Charme des Taucherfriedhofes aus- diese Präsenz des Vergänglichen. Und manchmal wird man eben ganz direkt darauf gestoßen, wie man selbst endet...

 

Darstellungen von Skeletten sind heutzutage meist selten anzutreffen, da sie eher typisch für das Barock sind und somit meist nicht mehr erhalten. Den ein oder anderen Schädel trifft man auch in Dresden an- doch eine Gesamtdarstellung in dieser Form aus diesem Zeitalter ist mir eher unbekannt. Ein Vergleich zu einem "modernen" Skelett von Friedrich Press für einen Uhrmacher kommt mir zwar in den Sinn, doch handelt es sich dabei um die Neuinterpretation nach dem 2. Weltkrieg.

 

Dieses Skelett hier finden Sie gleich links neben dem Eingang auf der Seite der Taucherkirche (Löbauer Strasse) am großen Wandgrabmal der Familie Strobel aus der 2. Hälfte des 18. Jh. 

 

Auch sonst ist dieser alte Bereich des Friedhofes definitiv der künstlerisch wertvollste Teil, der so einige Überraschungen bereit hält, von denen ich gern nach und nach berichten werde. Erfreulich ist die doch recht lange Liste der denkmalgeschützten Grabmale, die zeigt, wie bewusst man sich hier dieses Schatzes auch ist.

Einige bildliche Eindrücke vom Friedhof:

Diese kurze Vorstellung des Taucherfriedhofes soll nur ein erster Einblick in eine Stadt sein, die heute meist völlig unterschätzt wird und dabei soviel Mythologie, Geschichte und Baukunst zu bieten hat. 

 

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