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Das Grabmal kenne ich doch! - Das Phantom August Stösslein und sein neuester Spuk-Streich...

Bild: Holger Dux
Bild: Holger Dux

Es gibt ein Phantom der Friedhofskunst! Wie sonst sollte man die Firma August Stösslein- Werkstätten für Grabmalskunst-  nennen? Immer, wenn man nicht mehr damit rechnet, taucht der Name auf. Sucht man dann nach irgend einer Info zu diesem Herrn, wird es ganz schnell dunkel- regelrecht finster im deutschen Historienwald. Wer war der Mann- wo kam er her, was machte ihn zu einem der Größten seiner Zeit, wenn es um die Grabmalskunst geht?

 

Kann man überhaupt einen Beitrag, basierend auf historischen Fakten, schreiben, wenn sich das Subjekt der Forschung so völlig entzieht, obwohl es anscheinend überall auf den Friedhöfen tätig war?

 

Fakten contra Fiktion

 

Machen wir es einfach, das sind die gefundenen FAKTEN. Ich möchte mich hiermit gleich bei einem meiner größten Helfer in dieser Sache bedanken- Herr Strobel aus Plauen und seinem "Forschungsteam", ohne seine Hinweise würde hier nicht viel stehen...der Wanderer hat uns zusammengebracht.

Und des Weiteren bei Herrn Holger Dux aus Aachen, der mich mit seiner Anfrage erst auf die richtige Spur führte und dem ich die Erkenntnis verdanke, die ich Ihnen hier am Ende des Beitrags präsentieren möchte- dank der zur Verfügungstellung seiner Bilder kann ich Ihnen nun auch zeigen, wie die Dinge sich manchmal finden.

 

Die Firma August Stösslein wird 1905-1914 in Plauener Adressbüchern als Steinmetzbetrieb auf der Jägerstrasse 21 erwähnt. Stösslein stammt aber nicht aus Plauen. Ein Sohn wird 1913 in Plauen geboren, er fällt 1940 im Krieg.

Stösslein zieht mit seinem Betrieb nach Dresden- wohl im Jahr 1914/15, denn es scheint keine Unterbrechung der Firmentätigkeit zu geben und ab da sind alle Anzeigen auf Dresden ausgelegt. Schon vorher in einer Annonce für den Plauener Betrieb wirbt er für "langjährige Erfahrung v.a. in Muschelkalk".

 

Sitz der Firma wird die Wehlener Strasse 18, gleich gegenüber dem Johannisfriedhof. Das Gebäude ist ein typisches Dresdner Mietshaus, in dem sich derzeit ein Küchenatelier befindet. Der Hinterhof ist eher klein- kein Platz für große Lagerflächen oder einen Steinmetzbetrieb in einem Ausmaß, wie man ihn vermuten würde.

Er wirbt mit "Eigene Betriebe im Muschelkalksteingebiete bei Würzburg",  präzisiert später: Grünsfeld i. Baden.

 

Meine Vermutung, das er auch einen Betrieb im Großraum Ruhrgebiet/ Nähe Dortmund gehabt haben muss, konnte ich nun auch bestätigt finden. Er selbst wirbt in 2 Anzeigen die weniger bekannt sind (wohl Zeitungsannoncen) für: Zweigbetrieb Bielefeld am Sennefriedhof. Beide Annoncen werben mit Ehrenmälern (Bassum und Diepholz) für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges- eindeutiger Bezug zu einer Zeit nach dem ersten Weltkrieg- wohl Anfang 20er Jahre, als viele dieser Ehrenmäler entstanden. Da in den vorherigen Annoncen Bielefeld nie erwähnt wird und der Kriegsbezug recht deutlich ist, kann die Ausbreitung des Betriebes wohl auf die Zeit nach dem ersten Weltkrieg geschlussfolgert werden. Und auch im Zusammenhang mit der Kriegerehrung taucht plötzlich eine weitere Anzeige auf, in der ausschließlich für den Betrieb in MANNHEIM geworben wird. Hier fällt die seltsame Hervorhebung der Stadt auf, die so wirkt, als hätte es die Annonce für alle Betriebe gegeben und wäre nur jeweils an das Verbreitungsgebiet angepasst worden.

 

All die Annoncen die ich für diese Erkenntnisse nutze finden Sie hier: Grabmalkunst

 

 

Noch 1930 ist durch den Drachentöter in Aplerbeck das Bestehen der Firma nachweisbar, wann August Stösslein verstarb entzieht sich derzeit meiner Kenntnis, auch, wo er begraben liegt. Geht man aber von seiner Aussage aus, das er bereits in Plauen "langjährige Erfahrung in Muschelkalk" habe und man voraussetzt, das er als Steinmetz klassisch ausgebildet wurde, muss Stösslein wohl um 1880 geboren sein. Eine Firmengründung mit 25 Jahren (1905 in Plauen) ist möglich, wenn man von folgendem Lebensweg ausgeht- und an dieser Stelle verlassen wir die Fakten und widmen uns dem: es könnte so gewesen sein. 

 

Der mögliche Lebensweg eines "Selfmade-Man"

Ich behaupte: August Stösslein wurde ca. 1880 in Grünsfeld oder im direkten Umfeld geboren. Er war Sohn einer Steinmetzfamilie oder eines Steinbruchbesitzers (noch 1950 lebte laut Aussagen der Grünsfelder fast jede Familie von der Steinindustrie).  Die Entwicklung seiner späteren Firma und das wirtschaftliche Gespür lassen auf eine gute Bildung schliessen- er war kein einfacher Sohn eines Arbeiters, und wenn, dann bekam er die Chance, groß zu werden und sein Lehrer war prägend und einflussreich. Sollte ein Grünsfelder dies lesen und weiterhelfen können, bitte schreiben Sie mir!

 

Er geht nach der Ausbildung relativ schnell in die Weite Welt hinaus- stammte er aus einer großen Familie war er eventuell nicht der älteste Sohn und suchte seinen Weg. Es ist die Zeit des Aufbrechens in eine neue Welt- August Stösslein ist modern- er passt sich in späteren Jahren stets seiner Kundschaft und der Zeit an- wenn Zierbrunnen nicht mehr verkauft werden wirbt man  mit Krieger-Ehrenmälern. Dem Träumer für Größeres wird Grünsfeld zu klein- aber er bewahrt sich seine Verbindungen. Er weiß, das der Muschelkalk für sein Unternehmen noch wichtig werden wird- später wird er eigene Betriebe (Steinbrüche? Eigene Werkstätten für die Vorbereitung der Grabmäler- womöglich sogar bis hin zum "Baukasten-Endprodukt?) in seiner alten Heimat betreiben. Er lebt aber in Dresden, zumindest wird seine Korrespondenz mit Kunden von Dresden aus geführt. 

 

Warum er zuerst in Plauen seine Karriere beginnt? Wer weiß es schon- vielleicht eine persönliche Beziehung? Wir wissen nichts von seiner Frau- ein Sohn wird 1913 geboren, also muss es da eine Familie im Hintergrund geben. Den Namen Stösslein findet man in Grünsfeld und im Umfeld Würzburg, und interessanterweise im Ruhrgebiet- nicht in Plauen und im Vogtland! Der Muschelkalk wie er in der Grabmalskunst und für Denkmäler verwendet wird hat seine Hauptverbreitung dort, wo Stösslein meiner Meinung nach herkommt, nicht im Vogtland. Sein Eroberungszug stoppt erstmal im kleinen Plauener Unternehmen, intern kann er den Umzug in die größere Stadt und den Ankauf eines Grundstücks in etwa 9 Jahren gut vorbereiten- Stösslein ist Planer, kein Spontaner.

 

Die Wahl des neuen Firmensitzes direkt am größten und prunkvollsten Friedhof Dresdens ist kein Zufall- er setzt sich in die erste Reihe! Die Wandler der "Millionenalleen" fängt er direkt am Eingang ab. Der Johannisfriedhof war zu dieser Zeit das Non-Plus-Ultra der regionalen Friedhofskunst- gilt damals sogar noch mehr als Ohlsdorf- hier kann August Stösslein zu dem werden, der er später ist- der Geschäftsmann, der Planer. Ich glaube nicht an einen staubbedeckten Steinmetz, der im Schweiße seines Angesichts bis ins hohe Alter mühsam sein Brot verdiente.  Anfangs ja, da baut er seinen Namen auf. Später schreibt er Briefe an Kunden, die in ihrem Ton den Mann am Schreibtisch spiegeln (Briefnachlass Hr. Karl Lamprecht, Uni Bonn). Er ist Organisator- mit Verbindung zur Alten Heimat- dort hat er einen Steinbruch (oder einen Steinmetzbetrieb-das ist noch nicht ganz klar), dort liegt immer noch eine Art Verankerung. Stösslein ist kein Vertriebener- kein Flüchtender vor alten Traditionen, auch wenn er modern denkt. Er ist stolz auf seine Herkunft- er wirbt mit seiner Heimat... er weiß, was Grünsfeld für die Friedhofskunst bedeutet- welche Bedeutung der Kalkstein hat!

 

Er expandiert nach Bielefeld und später Mannheim. Wieder Orte mit Strategie- Köln Melatenfriedhof, Dortmunder Ehrenmäler, Bremen, Lübeck. Alles in greifbarer Nähe, wenn man einen Namen hat- nur zu weit weg von Dresden. Er erweitert sich in ein neues Gebiet- ein neues Themenfeld. Ehren- und Kriegsmäler. Bedarf ist genug da, er arbeitet mit Größen der Bildhauerkunst wie Professor Behrens. Und der ein oder andere Großindustrielle oder Möchtegern-Große wird sich auch ein Grabmal von ihm gestalten lassen. Anders wie zu Kaisers Zeiten, aber so schnell starb das große Familiengrab mit Status-Ausdruck nun auch nicht.

 

Zugleich wird es aber dieses andere Problem gegeben haben- die Reformgrabmäler und die Entwicklung zur "Schlichtheit". Individuell, ja- im gewissen Rahmen. Andererseits Massenware aus dem Katalog. Eine viel größere Bedrohung, wenn man bisher auf "individuelle" Entwürfe setzte. Ging Stösslein diesen Weg noch mit? Das Grabmal als Massen-Grabstein? Oder hört dort die Geschichte auf und die Kriegermähler sind die letzten Zeichen eines einstmals Großen? Er wird zum Schatten der Geschichte. Man müsste das letzte Grabmal finden, das nachweislich von ihm stammt- oder eben sein Todesdatum. Die Annoncen verlaufen sich in den 20er Jahren. Hatte er es nicht mehr nötig, Werbung zu machen oder war die Zeit einfach eine Neue? Es wird wohl noch zu erforschen sein, wo die Grabmalskunst genau aufhört und das Massenprodukt solchen Unternehmen den langsamen, leisen Tod bescherte.

 

Da dies nur eine "erdachte" Biografie ist besteht natürlich kein Anspruch auf historische Korrektheit, um die es mir hier auch nicht ging. Es ist das Spiel- wo fängt man an, wenn ein Phantom umgeht und alles verharrt, weil keiner sich traut, den Anfang zu machen. Stösslein ist existent und zugleich nicht zu finden- auf so vielen Friedhöfen, in unserer Geschichte der Bildhauerkunst- und nur das mühsame Zusammenklauben aller noch so kleinen Informationen kann irgendwann eine echte, historisch korrekte Biographie ergeben. Finden Sie die Fehler, füllen Sie die Wissenslücken! Ich freue mich über jeden Hinweis und auch wenn es manchmal etwas dauert, keine Information ist ganz vergessen und auch diese Seite wird noch Ergänzungen erleben.

 

Na wenn das mal nicht ein alter Bekannter ist?

Bild: Holger Dux
Bild: Holger Dux

Grund dieser (begonnenen) Forschung ist eine Anfrage von Herrn Holger Dux und ein Bild, welches er mir schickte. Er ahnte nicht, welche Reaktion dieses Bild bei mir auslösen würde und wollte doch nur etwas zu diesem Phantom Stösslein aus Dresden wissen...

 

Es handelt sich um das Grab der Familie Kinon auf dem Aachener Ostfriedhof, und es trägt die angeschlagene Signatur, die ich Ihnen oben bereits zeigen konnte.

 

Ich sah dieses Bild und schluckte. Ich habe oft solche Momente. Innerhalb von Dresden oder Sachsen. Aller: ach da auch nochmal derselbe Engel von dem gewissen Künstler. Das führt zu langen Listen und Zählungen. Auch von diesem Künstler gibt es eine Liste- zu genau einer Figur, die er schuf- dem Müden Wanderer. Alle anderen Werke von ihm sind wohl Einzelstücke. Sie sind immer signiert und individuell für den Auftraggeber entstanden. Dachte ich bisher... aber vergleichen Sie gern selbst:

Das Grabmal May auf dem Johannisfriedhof, gestaltet von Selmar Werner, hat wohl einen bisher unbekannten Zwilling in Aachen! Es gibt Abweichungen- diese sind aber im Drumherum- dem, was Stösslein schuf, zu finden, aber kaum bei den Figuren an sich.

 

Auf Nachfrage bei Herrn Dux stellte sich heraus, das der Bildhauer eben nicht bekannt war (keine Signatur)  und somit auch Aachen eine neue Erkenntnis vermerken kann.

 

 

 

 

Seine Erkenntnisse zur Familie Kinon möchte ich Ihnen auch nicht vorenthalten (Zitat):

 


Ferdinand Kinon

(29.10.1867 Stolberg – 8.11.1919 Aachen)

Sohn des in Malmedy geborenen Glasarbeiters Nikolaus Kinon in Stolberg. Der gründete 1871 eine Glasveredelungsanstalt in Aachen, die 1901 in die Jülicher Straße umzog. Das Unternehmen fertigte als erstes in Deutschland Sicherheitsglas. Zusammen mit seinem Bruder Victor, der in der benachbarten Grabstätte beigesetzt wurde, war er Teilhaber in dem väterlichen Unternehmen.

Ferdinand war mit der Tochter eines in Aachen bekannten Fotografen, Helene Westendorp (26.4.1874 – 23.2.1959) verheiratet.

 

(Ingeborg Schild, Elisabeth Janssen: Der Aachener Ostfriedhof. Mayersche Buchhandlung, Aachen, 1991 und eigene Beobachtungen)


Wenn ich mittlerweile Eines durch diese Artikel gelernt habe dann ist es wohl, das es keine endgültige Lösung- keinen Abschluss- geben kann. Es wird nie der Tag kommen, an dem ich sagen kann, ich weiß jetzt genau, wie viele Werke von Selmar Werner noch existieren- allein der Wanderer bringt es nun schon auf 16 mir bekannte Ausführungen- nur einmal schuf Werner das Original oder besser den Entwurf dazu. Für seine Eltern und mit persönlichem Bezug.

 

Wie viele "Kopien" von diesen trauernden Engeln gibt es? Wie kam Stösslein zu diesem Entwurf? Er ist für einige Grabmäler mit Wanderer nachweisbar, eine Richtung hin zu Werner/Stössel erkennbar- doch wie weit ging die Zusammenarbeit? Warum tragen Stössleins Ausführungen von Selmar Werners Entwürfen nie die Signatur des Künstlers, wie es bei WMF ist? Hat Werner die "Kopie" auch geschaffen oder wer war der Steinmetz der Werner nachahmen dürfte? Es bräuchte wohl mehr Fachleute, mehr gesamteuropäische Zusammenarbeit und sehr viel mehr Zeit, um das Phantom Stösslein und seine Auswirkungen bis in die heutige Denkmalsgeschichte zu erkunden. Das hier ist zumindest ein erster Schritt...