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Von Sklavenhändlern und Brunnenvergiftern- die Geschichte des Jüdischen Friedhofes in Meißen


Die Geschichte des Judentums, vor allem im deutschen Raum ist wohl (verständlicherweise) eines der sensibelsten Themen. Zu viel Unrecht und Vernichtung wurde betrieben, nicht erst im letzten Jahrhundert sondern bereits bei Judenpogromen im Mittelalter. Der Vorwand, es wären Brunnenvergifter, ist jedem geläufig- und natürlich völlig an den Haaren herbeigezogen, um die unliebsame Konkurrenz im Handel auszuschalten oder aber Sündenböcke für die Pest und andere unerklärliche Krankheiten zu finden. Es ist wohl nicht nötig, über diese Symptomatik der europäischen Geschichte zu diskutieren.

 

Trotzdem muss dieses sinnlose Vorurteil hier auftauchen- es wird im Jahre 1349 dazu führen, das die Geschichte des Judentums einen derartigen Schlag bekommt, das es an vielen Orten danach so scheint, als hätte es keine Geschichte der Juden in so früher Besiedlungszeit gegeben. In Meißen werden die Juden auf Veranlassung des Markgrafen Friedrich II. (der Ernsthafte) fast alle getötet, die Grundstücke der (oftmals zerstörten) Häuser in den Folgejahren neu vergeben- die Geschichte der Meißner Juden wird so ausradiert, das nur noch ein Name bleibt: der Judenberg. Dieser wird von der Stadt zum Weinberg umfunktioniert- und nur noch ein vager Schimmer, wie dieser Teil der mittelalterlichen Geschichte Meißens aussah bleibt für viele Jahrhunderte übrig.  Bis zum heutigen Tage hat sich keine neue jüdische Gemeinde in Meißen begründet.

 

Ausschnitt aus der Stadtansicht Meißens von Matthäus Merian (um 1650) Quelle: wikimedia commons (Bild verlinkt)
Ausschnitt aus der Stadtansicht Meißens von Matthäus Merian (um 1650) Quelle: wikimedia commons (Bild verlinkt)

Der Judenberg liegt auf der Stadtansicht, die ich hier als Ausschnitt gewählt habe, in der Mitte des Bildes. Es ist die dort noch unbebaute Berglage hinter dem Görnischen Tor (der kleine Turmbau). Dort war der Bereich "an der Mauer"- heute unterer Bereich der Jüdenbergstrasse. Die genaue Lage des Friedhofes zu lokalisieren erwies sich in den Plänen als nicht möglich, da der Friedhof lange vor den ersten Stadtplänen schon aufgelöst wurde. Schaut man dann aber in die jüngere Geschichte weist der Bau einer Turnhalle im Jahre 1873 den Weg- dabei wurden Gebeine des ehemaligen Friedhofes gefunden, und so weisen die Toten den Weg zur heutigen Bildungs-und Tagungsstätte der Bundesagentur für Arbeit. Dort, zwischen heutigen Justusstufen und Jüdenbergstrasse muss einst einer der ersten jüdischen Friedhöfe Sachsens angelegt worden sein. Vor der Stadtmauer und mit Bezug zur jüdischen Gemeinde, die im Bereich des heutigen Neumarktes/ Neugasse zu finden war.

 

Juden und Slawen- ein selten erwähntes Aufeinandertreffen

Es würde den Rahmen dieser Betrachtung sprengen, die Geschichte der jüdischen Gemeinden im heutigen Sachsen im Mittelalter zu beleuchten, Fakt ist, das bereits für das 10. Jahrhundert ihre Anwesenheit  in der Mark Meißen nachweisbar ist. Moment- da war die Mark Meißen doch aber noch slawisch besiedelt, oder? Zwar hatte König Heinrich I. 929 die erste militärische Befestigung auf dem Meißner Burgberg begründet- das heißt aber nicht, das ab diesem Moment ringsherum alles freudig "deutsch" wurde. Bereits für diesen Feldzug wird bei Widukind von Corvey erwähnt, das gefangene Slawen in die Sklaverei verkauft wurden.

 

Es waren definitiv keine glorreichen Zeiten der mittelalterlichen Stadtgründungen, bei denen die Händler eine so große Rolle spielten. Wenn in der jüdischen Geschichtsschreibung dann gern von den positiven Einflüssen der jüdischen Händler auf die Entwicklung der Städte geschrieben wird, dann muss man sich Eines fragen: um welche Waren handelt es sich denn im 10. Jahrhundert in einer Region, die eher dünn besiedelt ist, die eben keinen großen Bedarf an "Luxuswaren" hat? Die Lausitz ist ein ländliches, agrarisches Gebiet zu der Zeit, Meißen hat wenige Einwohner- wer soll da der kaufkräftige Kunde sein?

 

Bereits im 9. Jahrhundert erhalten die Juden den Königsschutz- gegen Entgelt. Dafür bekamen sie auch Freiheiten- unter anderem die Freiheit des Sklavenhandels. Aus dem Jahre 965 gibt es einen Reisebericht eines arabischen Fernhändlers jüdischen Glaubens aus Cordoba (Ibrahim ibn Jacub), der unter anderem durch Brandenburg, Sachsen und Böhmen zog. Wichtigster Handelsartikel in Prag ist laut seinen Aufzeichnungen: Sklaven.  Diese wurden vor allem nach den Slawenkriegen zum wichtigen Gut, und wenn sich in den Aufzeichnungen das Interesse für die Krankheiten der Slawen und ihre blonden oder schwarzen Haare zeigt, dann wohl nicht aus humanitären Gründen. Die Slawen- und damit eben auch die Sorben waren zu dem Zeitpunkt Heiden- also Barbaren. Sprich: Freiwild.

Die Zollordnung von Raffelstetten an der Donau zu Beginn des 10. Jh.  spricht für sich:

 

" Die Kaufleute, also die Juden und anderen Kaufleute (ganz gleich woher sie kommen, aus diesem Land oder anderen Ländern), sollen den gerechten Zoll zahlen für Sklaven wie für andere Handels-Güter so wie es stets in den früheren Zeiten der Könige war." (Zitat nach Weinreich, Lorenz (Hrsg.): Quellen zur deutschen Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte bis 1250. Darmstadt 1977)

 

Zu Beginn des 11. Jahrhundert erfolgt die nächste Nennung von Juden in der Mark Meißen- und wieder im Zusammenhang mit dem Sklavenhandel. Thietmar von Merseburg erwähnt dort ein Vorkommnis, das König Heinrich II. im Jahre 1009 Markgraf Gunzelin von Meißen beschuldigt hätte, fremde Leibeigene an Juden verkauft zu haben. 

 

Diese Seite der Geschichte klingt weit weniger freundlich, als man es gewöhnt ist- ich habe selbst einige Literatur zu den Juden in Sachsen gelesen- und sehr oft wurde gerade diese frühe Zeit als positiver Beginn dargestellt- gerade auch von jüdisch geprägten Autoren. Ich habe dafür durchaus Verständnis- nach dem letzten Jahrhundert sind wir alle, wie ich anfangs erwähnte, sensibilisiert. Aber darf dies so weit gehen, das man einen Teil der Geschichtsschreibung frisiert, um unbequeme Themen auszulassen?

 

Es werden nicht nur Juden gewesen sein, die den Handel mit Sklaven aus dem Heidenvolk betrieben- keine Frage. Aber eine religiöse Gruppierung aufgrund falsch verstandener Vorsicht pauschal auszuschliessen (was hat die Religion mit dem Handeln in dem Sinne zu tun? Es waren Händler- und geschichtsbedingt waren dies oftmals jüdisch stämmige Menschen.) verschleiert die reale Welt, in der sich ganz Europa im 10. Jahrhundert befand. Eine andere Zeit mit anderen Sichtweisen herrschte- die wir heute anders bewerten. Doch diese Welt wurde eben von Königen, Markgrafen, deutschen und -eben auch-jüdischen Siedlern gelebt. Keine Gruppierung kann ausgeschlossen werden- und auch die Slawen waren nicht so harmlos, wie ihre Angriffe beweisen. Das mir als sorbisch Abstämmige diese Thematik der Kolonisation besonders am Herzen liegt, liegt wohl auf der Hand.

 

 

Die alte jüdische Gemeinde von Meißen

Im 12. Jahrhundert wird Meißen dann zur Handelsstadt mit Bedeutung. Von da an beginnt die Geschichte der jüdischen Händler im Bereich des heutigen Neumarktes, wie wir sie zu kennen meinen. Um 1180 scheint es bereits eine erste Synagoge gegeben zu haben, denn der Wiener Rabbiner Isaak ben Mose ben Isaak ben Schalom, der in Meißen aufwuchs berichtet vom Aussehen des Inneren (mit Bäumen und Vögeln ausgemalt). Im Jahre 1265 erteilt Heinrich der Erlauchte dann die erste Judenordnung für die Mark Meißen. 1286 wird dann erstmals der Jüdenberg als die Begräbnisstätte der Juden genannt, 10 Jahre später wird das Jüdentor (heute im Bereich Roßmarkt/ Marktgasse) erstmals erwähnt, durch welches die Juden die Stadt betreten dürften. Die erste urkundlich belegbare Synagoge Sachsens wird im Jahre 1320 ebenfalls in Meißen erwähnt (Standort heute Neumarkt Nr.7 in Richtung Nikolaikirche). 

 

Die Entwicklung zeigt, das die jüdische Gemeinde auf einem guten Weg war- man war durch den Markgrafen und das Gesetz gleichgestellt, wahrscheinlich handelte man auch mit Fleisch (Nähe zu den Fleischbänken, für andere jüdische Siedlungen überliefert), eventuell Salz. Plötzlich bricht eine neue, nie gekannte Krankheit aus- die Pest. Im Jahre 1349 wird sie die alte Welt völlig verändern. Und ab diesem Zeitpunkt auch die Geschichte des Judentums. 

 

Der Jüdenberg wird bereits 1355 als Weinberg genutzt werden- der Friedhof bestand also urkundlich nachweisbar von 1286-1349. Eine gefühlt kurze Zeit -wäre da nicht die unbekannte Geschichte davor. Wenn Juden bereits im 10. Jahrhundert nachweisbar sind, wurden sie auch irgendwo bestattet- und es gibt keine genaue Jahreszahl für die Anlage des Friedhofes.

 

Das einstige Gebiet der jüdischen Siedlung von Meißen- ganz rechts die Jüden-Gasse, wo das Jüdentor zu finden war. In Verlängerung der Rosengasse/große Webergasse nach Südwesten lag der Friedhof. Quelle Plan: Claus-Dirk Langer
Das einstige Gebiet der jüdischen Siedlung von Meißen- ganz rechts die Jüden-Gasse, wo das Jüdentor zu finden war. In Verlängerung der Rosengasse/große Webergasse nach Südwesten lag der Friedhof. Quelle Plan: Claus-Dirk Langer

Auf der Spur der Grabsteine

Die Geschichte des jüdischen Friedhofes von Meißen könnte somit vergessen sein- wäre da nicht 1990 eine neue Zeit angebrochen, die intensive Sanierungsarbeiten nach Jahrzehnten der Vernachlässigung der Bausubstanz für die Stadt Meißen gebracht hat- mit interessanten Funden! Es dauerte noch einmal ca. 15 Jahre, um die hebräischen Schriftzeichen auf den entdeckten Steinen in Kellern, Teilen der Stadtmauer, als Türgewände oder Teile der Wasserleitung zu deuten. Woher stammten diese Steinfragmente-und was verrieten sie? Recht schnell erkannte man darin wiederverwendete Grabsteine (Grabstein des Mose, Sohn des Mose, 1232, Fundort: Meißen,Marienhofstr.1a). Dann die Erkenntnis: sie sind vom alten jüdischen Friedhof in Meißen- auch wenn sie z.B. im Kloster Altzella auftauchten (Grabstein des [...] [Sohn des] Isaak, 24. Januar 1274).

 

Durch weitere Fragmente rutscht nun die belegbare Zeit für den jüdischen Friedhof immer weiter zurück- derzeit geht man von der Existenz der Gemeinde und des Friedhofes, nachweisbar durch die Grabsteinfragmente, bereits Ende des 12. Jh. aus. Und es ist vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis sich ein noch älterer Grabstein findet- es reicht eigentlich eine konkrete Jahreszahl auf einem Fragment, und schon wird der Friedhof älter. Archäologie kann faszinierend sein!

 

Die Quellen zum Artikel:

Eine große Hilfe bei der Forschung zum Thema Meißen ist das Buch:

 

Claus-Dirk Langer. Meissens Alte Stadtpläne. Historische Stadtpläne und Umgebungskarten vom 16. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts. 1. Auflage 2011

 

Ohne seine Hilfe und die zur Verfügungstellung zweier Pläne, die er für sein Buch verwendete, wäre vieles nicht möglich- dieser Artikel ist erst der Beginn dafür. Ich empfehle auch seine anderen Bücher zur Meißner Geschichte, vor allem auch den Architekturführer, der mir seit Jahren als Gästeführerin treue Dienste leistet. Zu finden über seine Internetseite:

https://meissen.online/haendler/meinmeissen.html/

 

Weitere Quellen:

 

Günter Naumann. Meißner Geschichte in Daten. (1993)

 

Zur Meißner Judengemeinde im Mittelalter und vor allem zum Thema des Sklavenhandels finden Sie hier den Artikel von Andreas Christel, den ich vorrangig verwendet habe (und zur Sicherheit mit weiteren diversen Quellen abglich, um nicht nur auf eine Quelle zu bauen):

 

https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/mitt-dgamn/article/view/17144/10960