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Die Annemarie-Polka- ein "uralter sorbischer Tanz"?


In diesem Artikel wird es magisch, aber auch unbequem- ich muss Sie warnen. Warum, das werden Sie bald merken. Aber lassen wir es erstmal ganz harmlos mit einem typisch sorbischen Tänzchen beginnen....

 

Was passiert hier gerade?- Wenn die Sorben zu tanzen beginnen...

 

Bekommt man als Nicht-Sorbe die Chance, einer typisch sorbischen Veranstaltung mit Tanz beizuwohnen, kann man ein ganz besonderes, magisches Ritual erleben.

 

Irgendwann im Verlauf des Abends kommt der Punkt, an dem nur wenige Töne erklingen- vielleicht wird noch "Und jetzt die Annemarie" angekündigt- obwohl kein Sorbe eine Benennung dessen braucht- wir erben die "Annemarie von hinten" (also nicht als klassische Polka getanzt) und haben sie im Blut, saugen sie mit unserer Muttermilch förmlich auf- und der Außenstehende fragt sich, was hier plötzlich passiert. Man nennt sowas neudeutsch "Flashmob", glaube ich- aber das würden wir nie sagen, wir wussten zu dem Zeitpunkt, als "unsere" Annemarie entstand noch gar nichts von der großen Welt.

 

Alles stürmt auf die Tanzfläche, Paare finden sich schnell, es wird wie selbstverständlich ein Kreis gebildet, Männlein steht hinter Fräulein, die Hände fassen sich seitwärts über Schulterhöhe. Alle tanzen gleich, es gibt keinen Vortänzer, keine Rangordnung. Man tanzt mitsonnen- also im Uhrzeigersinn. Die Annemarie an sich ist eine Polka- nur tanzen wir sie anders- eben "von hinten".

 

Nun geht es los: 2 Tipp links, 2 Tipp rechts, 2 Schritt vorwärts links, 2 Schritt vorwärts rechts. Dann rechter Hand eine Drehung der Dame (für Mutige: 2), sie wird vom Herrn sozusagen "an der Hand geleitet". Und wieder in Ausgangsstellung und 2 Tipp links...

 

Es beginnt langsam, der Text begleitet uns und kündet von dem Abschied des Liebsten. (Oder der weniger jugendfreie Text erklingt, den ich Ihnen hier nur andeuten möchte: Es wackelt das Bett im ersten Stock...usw.- das ist nicht das Original, räusper.) Nein- es geht um den Abschied vom Liebchen, deshalb heißt das Lied auch: Liebchen Adé.

 

Da ich diesen Text nirgendwo finden kann (oder nicht ausgiebig gesucht habe) hier zitiert aus meinem sorbischen Gedächtnis vieler Maibaumwerfen, Zamperveranstaltungen und sonstiger Feste mit dem Jugenclub Schwarzkollm (Falls Sie vorher noch nicht tanzen konnten-hier lernen Sie es, ob Sie wollen oder nicht.)

 

"Liebchen Adé, scheiden tut weh - Annemarie.

Heut muß ich fort, von Ort zu Ort- Annemaire.

 

Und weil ich scheiden muß, geb ich dir den Abschiedskuss,

weil ich so lieb dich hab -Annemarie.

 

Wahre (wehre?) die Jugend, dein, stets will ich bei dir sein, 

weil ich so lieb dich hab, Annemarie."

 

So weit so gut. Wir tanzen also alle im Kreis. Das klingt sehr hübsch und folkloristisch- und das könnte es nun gewesen sein, Sie haben einen original sorbischen Kreistanz erlebt.

 

Die Magie der Bewegung

 

Wenn Sie sich nun abwenden, verpassen Sie die Magie dieses Tanzes. Alles folgt dem Takt- so ein wenig Marschcharakter hat dieses links-rechts schon, oder? Alle sind gleich, im Kreis vereint. Dieser Kreis- in ihm- die Mitte- sie bleibt auf magische Weise frei- es würde keine Bewegung in dieser Mitte mehr möglich sein- für den Tanz benötigt es Platz nach vorn- je weiter sie in die Mitte gelangen, desto enger wird ihr Tanzwinkel. 

 

So entsteht ein Punkt, den die Gemeinschaft der Sorben umtanzt- die Form eines Wirbelwindes mit einem "stillstehenden" Zentrum im Inneren. Ein magischer Kreis wird unbewusst aufgebaut- der Schutz für das Innen- das sich nicht ändert und immer es selbst bleibt. Die Annemarie bleibt die Annemarie- sie wird nicht verändert in ihrer Schrittweise, in ihrer Sogwirkung. Der Text variiert, Worte sind Schall und Rauch. Sie brauchen den Text nicht einmal, um den Tanz zu erleben. Es ist der Ton, die Musik, die tief in den Sorben das Gefühl erweckt, eins zu sein. Das Sorbische ändert sich nicht- wir schützen unsere Gemeinschaft, vereint in diesem Kreis.

 

Und alles wartet- verharrt auf den Punkt- auf die Änderung. Das Signal, aus sich zu gehen. Denn die Annemarie bleibt nicht gefangen in ihrer Geschwindigkeit einer normalen Polka- sie wird schneller. Und schneller. Und schneller. Sie folgen, schnellere Tipps, schnellere Schritte, schnelleres Drehen. Spätestens jetzt erfolgt nur noch eine Drehung- die Dame weiß nicht mehr, wo geradeaus ist, die Führung des Mannes ist notwendig. Dort entlang, den anderen hinterher, die Schritte werden ungenauer, man stolpert gar, aber wir lachen- alles lacht. Die Befreiung von der Norm, man folgt, so lange es geht. Man ist stolz darauf, wenn man es bis zuletzt schafft- in der Norm der Schritte zu bleiben. Links-rechts-vorwärts, nicht die Orientierung verlieren. 

 

Geschafft. Man ist nicht hingefallen, auch wenn der Kubitzberg so ein schlechter Tanzboden ist. Alles ist befreit, wir sind WIR- das Dorf und seine Tänzer ist eins. Im Tanz vereint- im Kreis, der sich löst. Es folgt: Der Rheinländer. Wechselnde Partner, mal der Tanzpartner, mal der. Als würde sich das Liebchen schon nach dem nächsten umsehen. Wie kommt das? Ist es Zufall, das diese Lieder so gern hintereinander gespielt werden? Warum kommt nie zuerst der Rheinländer? Das habe ich mich schon vor Jahren gefragt. Aber das nur nebenbei...

 

Damit Sie sich das alles besser vorstellen können, hier ein Video aus Schwarzkollm- von "Schwarzkollmern" für die Öffentlichkeit im Rahmen der Krabatfestspiele aufgeführt. Angepasst an die Bühne, verändert im Beginn, verändert im Text. Doch die Magie- das Ritual dieses Tanzes spüren Sie. Wir haben unseren eigenen Text bekommen- nicht mehr die Liebste vermissen wir, sondern die Heimat- unser Schwarzkollm. Zuerst hören Sie den Originaltext in Sorbisch, dann die deutsche Neufassung. Aber sehen Sie selbst:

 

 

Alles original Sorbisch?

 

Es war Mitte der 90er Jahre, ich war mit meiner Familie in Schweden im Wohnmobil-Urlaub. Abends auf dem Campingplatz plötzlich diese Tonfolge. Annemarie. Wie jetzt? In etwa 200m Entfernung wurde getanzt- kein Kreistanz wie bei uns- aber die Melodie- ich glaube es war ein Akkordeon, was da spielte. Die Schweden tanzten zu "unserer" Annemarie. Wie war das möglich? Wäre ich damals schon mutig gewesen- ich hätte ja mal fragen gehen können, oder?  Das tat ich nicht. Also lebte ich weitere Jahre mit der Frage, warum eigentlich die Schweden "unser" sorbisches Lied kannten.

 

Betrachtet man das "Liebchen Adé" aber einmal genauer, vor allem den Takt, den Text und die Struktur, dann kommt da etwas an die Oberfläche, das man anscheinend nicht wahrhaben will. Wir tanzen freudig zu einem Soldatenlied. Einem Abschiedslied, weil der Liebste in den Krieg zieht. Gut- dann ist das eben so. Kriege gab es immer. Allerdings wird das Lied dann wohl nicht so alt sein, wie man meinen könnte. 19. Jh? Ja- da gab es auch Kriege. Da kriegen wir das mit der sorbischen Identität unter- die Sorben/Slawen hatten eine Zeit der Emanzipation in diesem Jahrhundert. Darauf können wir stolz sein. Also ist das Lied wohl damals durch die Schweden exportiert worden. Wenn man es mit der Geschichtsschreibung nicht so genau nimmt, dann kriegt man es irgendwie alles unter einen Hut und wir können beruhigt weiter tanzen- denn der Tanz steht ja für unsere eigene Identität. Wir schützen unser Erbe damit.

 

Nationalität und Erbe- die unbequeme Seite

 

Genau an dieser Stelle will der "Deutsche in uns" gern aufhören. Der Kampf für die eigene Nationalität der Sorben im 19. Jh. und die Bewahrung der Identität war positiv. Ein kleines Volk, das erhalten blieb. Traditionen wahrte. Eigene Tänze noch heute pflegt. Doch das ist nicht die Wahrheit. Wir tanzen im Traum- die Realität war eine andere, als das Lied entstand.

 

Diese Realität möchte ich Ihnen anhand eines Bibliotheksfundes zeigen- das erste Zitat ist aus der Einleitung des Buches ""Wir Lausitzer Sorben" aus der Druckerei- und Verlagsbuchhandlung J. Ziesche, Bautzen. Das zweite aus dem Nachwort des Buches.

 

"Nirgends zeigt sich die seelische Eigenart des lausitzer-sorbischen Volkes so deutlich wie in allen Äußerungen seines Volkstums. Jahrhunderte hindurch an seinen Grenzen geschützt durch unzugängliche Urwälder, hat es sich von allen slawischen Völkern seine nordisch-arische Art am reinsten bewahrt. ..."

 

"Die Grundsätze der nationalsozialistischen Revolution, die auch das Volkstum der Lausitzer Sorben ebenso stark berühren, wie alle politischen Bewegungen und Vorgänge im Deutschen Reich das deutsche Volk selbst, haben vor allem nach der bedeutungsvollen Rede des Volkskanzlers und Reichsführers Adolf Hitler vom 17. Mai 1933 die Hoffnung auf eine grundsätzliche Besserung der volkstumskulturellen Lage erweckt. ..."

 

Das Buch wurde 1934 veröffentlicht und kam mir in die Hände, weil ich dort etwas zu den Bräuchen der Sorben sowie der Quellenlage dazu erhoffte. Ich wurde fündig- viele Veröffentlichungen aus früheren Zeiten werden aufgeführt, die mich weiterbringen in meiner Forschung. Es wurde wissenschaftlich korrekt gearbeitet in den einzelnen Artikeln. Der Rahmen des Bildes- der Kontext, in welchem diese Quellen gesammelt wurden, ist ein unbequemer- ja für mich, die von den Verfolgungen der Sorben, den Verboten, den Plänen zur Umsiedlung meines eigenen Volkes, zu dem ich eben doch irgendwie gehöre, weiß, ist es wohl auch eine emotionale Seite. Die Sorben erhofften sich von ihrem Henker ein goldenes Zeitalter. Geachtet zu sein, weil sie ein "Volk im Volk" sind. Weil sie Brauchtum leben. Weil sie nach der Musik tanzen, die sie vereint. 

 

Tanz mit mir in den Untergang

 

Wir umtanzen den toten Raum in der Mitte, links, rechts im Marschschritt. Wir sind eins. Alle hintereinander, die Lücken schliessen, nicht ausbrechen aus der Ordnung. Stolz sein, bis zum Ende durchgehalten zu haben. Nicht gefallen zu sein- bis zum letzten Ton waren wir dabei, haben uns führen lassen- an der Hand des Mannes- an der Hand des Führenden, den wir nicht sehen, weil er unseren Rücken schützt bei der Polka "von hinten". So sehen wir nicht seine Augen... Wir tanzen in den Untergang und lachen.

 

Aber auch: wir haben es den anderen- den Nicht-Sorben gezeigt. So geht das! Wir wehren uns gegen Euch. Unbewusst. Schleichend. Wir können noch die Wahrheit sehen- wir sind noch ganz wir... ihr anderen, ihr tanzt deren Reigen, wir tanzen sorbisch. Wir lassen uns nicht unterkriegen...

 

Wie komme ich auf dieses düstere Ende? 

 

Das Lied Liebchen Adé wurde im Jahre 1934 vom deutschen Marschliederkomponisten Herms Niel (Ferdinand Friedrich Hermann Nielebock) komponiert. Seine Parteinummer in der NSDAP war die 2.171.788. Er war Hauptmusikzugführer beim Reichsarbeitsdienst. Er dirigierte alle Reichsarbeitsdienst-Musikzüge auf den Parteitagen der NSDAP in Nürnberg. Adolf Hitler persönlich ernannte ihn zum Professor in einer Zeit, als Titelsperre herrschte. Er war der Komponist des NS-Gleichschrittes - der Marschlieder der NS-Propaganda.

 

 Wir tanzen keinen sorbischen Tanz. Wir tanzen in der Hoffnung, den Raum in der Mitte- das Volk in uns- zu erhalten- vielleicht auch ein wenig die Leere dort zu füllen, das alte Gefühl noch einmal zu erleben. So wie damals, als es noch anders war- vor der Wiedervereinigung, vor dem "Westen". Als wir besonders waren in der DDR- dem System, das doch irgendwie den Traum erfüllte, den wir 1934 schon hatten- den wir immer hatten. WIR Lausitzer Sorben zu sein. Eine geschlossene Einheit, gebildet im Tanzkreis, der uns vereint.

 

Aber wir tanzen nach der deutschen Musik- dem deutschen Takt. Die Über-Identifizierung des Volkseigenen, das Annehmen des Diktierten bis zu einem Punkt, an dem es in die eigene Seele eingeht und zur eigenen Identifikation wird- die Annemarie ist das Beispiel par Excellence, wie der Rattenfänger nur die schönen Weisen für die Sorben spielen musste- und sie folgten ihm alle nach.

 

Es braucht wohl keine weiteren Worte mehr, betrachtet man die Jetzt-Zeit. Wir tanzen immer noch- immer wieder. Wehren uns und glauben zu wissen, wer wir sind. Dabei sind wir seit 1000 Jahren nicht mehr das, was wir sein wollen- eigenständig, unabhängig. Wir sind längst Teil der Welt da draußen und tanzen gern mit, wenn uns der Ton gefällt...

 

Ein Hoffnungschimmer

 

Soll ich wirklich so enden? Negativ? Mit aktuellen politischen Problemen, einem sterbenden Sorbischen Brauchtum und einem Tanz, der nun wohl jeden Sorben zweimal darüber nachdenken macht, ob er überhaupt noch mittanzen will? Das wäre nicht ich, oder?

 

Man sagt uns "Slawischen" eine gewisse Schwermut nach. Stimmt. Wir trauern manchmal mehr nach, als das wir die Zukunft feiern- zu viele negative Erlebnisse summieren sich irgendwann und machen schwermütig. Da braucht es manchmal einen Schubs- einen neuen Impuls, der Hoffnung macht.

 

Und so ist es auch bei der Annemarie. Der Marschkomponist hat nämlich etwas getan, was die Nationalsozialisten perfekt beherrschten: er hat abgeschrieben- kopiert, würde man heute sagen. Ihre Neigung dazu, gutes "deutsches" Volksgut zu übernehmen, zu arisieren führte zu den seltsamsten Blüten, wie wir alle wissen.

 

Liebchen Adé ist keine Neuerfindung. Es basiert auf einem alten Volkslied, das Sie vielleicht kennen. Aufgeschrieben von Hoffmann von Fallersleben und als Kinderlied den Winter verabschiedend- auf den Frühling, der Besseres bringt. Mit diesem, wirklich positiven Blick überlasse ich es jetzt Ihnen, wie Sie die Annemarie sehen. Ich kenne nun den Hintergrund- aber wahrscheinlich tanze ich sie trotzdem, wenn es so sein soll. Geschichte ist auch, Negatives zu verarbeiten und damit abzuschließen.

 

 Winter, ade!

Scheiden thut weh.

Aber dein Scheiden macht,

Daß jetzt mein Herze lacht.

Winter, ade!

Scheiden thut weh.

 

Winter, ade!

Scheiden thut weh.

Gerne vergess’ ich dein;

Kannst immer ferne sein.

Winter, ade!

Scheiden thut weh.

 

Winter, ade!

Scheiden thut weh.

Gehst du nicht bald nach Haus,

Lacht dich der Kuckuck aus.

Winter, ade!

Scheiden thut weh.

 

Quelle: Wikipedia 

 


Ein Buchtipp der besonderen Art: Ich ließ mich für diesen Artikel von der Herangehensweise einer Dissertation zum Thema Brauchtum der Sorben, vor allem der sorbischen Hochzeit, leiten.

 

Cathrin Carmen Alisch: HochZeit unterm Abendrot der Sorben in der Lausitz. Musik, Magie und Minderheit im Spiegel der Kultursemiotik. LIT Verlag Münster 2003