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Falsche Schlangen und Königliche Tiere


Wohl kaum ein Tier erscheint so widersprüchlich -und so "bekannt" in ihrer Mythologie wie sie: die Schlange. Was löst das Wort bei Ihnen aus? Ekel, Furcht, Gefahr? Teuflisches Tier? Verführerin?

 

Sie ist seit Anbeginn des (christlichen) Glaubens die Widersacherin Gottes- die Weibliche, die Eva betörende, welche mit falschen Zungen spricht und der Grund für die Vertreibung aus dem Paradies ist. Ihr kann man nicht trauen, denn sie ist des Teufels. Ich könnte ganze Seiten mit all dem Schlechten füllen, das man ihr nachsagt. Die Schlange ist in all den negativen Mythologien um sie auffallend oft weiblich, das sei nur nebenbei erwähnt...

 

Doch ist sie nicht auch die Heilende? Die Begleiterin des Aeskulap, der einen Menschen von den Toten zurückholte und dafür gestraft wurde? Die Göttin Wadjet, die himmlische Schlange, welche die Nahrung des ewigen Lebens spendet? Aus welcher einst die Papyruspflanze entstand und sie somit auch der Ursprung der Schriftbasis ist- des Wissens? Sie wird zur weiblichen Uräusschlange- der "Aufbäumenden", die als Stirnschmuck die Pharaonen schützt und später mit dem allsehenden Auge des Re verschmilzt.

 

Zur Begleiterin der Mediziner wurde sie aufgrund ihrer Fähigkeit, sich zu häuten, sich immer wieder zu erneuern und so als unsterblich zu erscheinen. Als Hellsichtige wird sie zur Begleiterin der Schlangenpriesterinnen des Orakels von Delphi, sie gehörte einst zu Gaia, der Mutter Erde und ist somit Anfang und Ende, der ewige Kreis, das Symbol des Unendlichen, sie beißt sich selbst in den Schwanz.

 

All dies sind Symbole für Werden und Vergehen, Leben und Tod- sehen, was dahinter steckt. Das macht sie zur Verbundenen mit dem Unsichtbaren, der anderen Seite. Ihr Gift kann töten oder heilen, sie ist damit auch das Schicksal. Als Symbol auf Gräbern ist sie somit immer auch abhängig vom Kontext, in welchem sie steht, nur selten wird sie wohl für die große Verführerin oder als teuflisches Wesen stehen- auf einem Grab symbolisiert sie wohl eher das Wissen, die Weisheit oder eben das ewige Leben.

 

Die Schlange bei den Sorben und der Hochwasserschutz vor 1400 Jahren

 

Wenn Sie in die sorbische Lausitz kommen, vor allem in die Niederlausitz und dort in den Spreewald, wird ihnen eine ganz andere Schlangenmythologie begegnen. Sie werden vielleicht überrascht sein, wie oft an den Giebeln der Häuser gekreuzte Schlangenköpfe erscheinen. Ein wenig wirken sie wie die Drachendarstellungen der Wikinger-Zeit. Doch es sind Ringelnattern, die hier verehrt werden und als Hausgeister gefüttert und gehegt wurden. 

 

Für die frühen Siedler waren die Schlangenknäuel, die sie auf besonderen, sonnigen Plätzen fanden, ein gutes Zeichen, um genau dort ihre Häuser zu errichten- und siehe da, es waren die Stellen, die sehr viel weniger von Hochwassern betroffen waren wie die, mit dem Auge kaum erkennbaren, tieferen Senken oder feuchteren Stellen. Die frühen Sorben verließen sich auf die Weisheit der Schlangen, um gegen das Wasser sicher zu sein! So blieben auch in späterer Zeit die Holzhäuser viele Jahrhunderte erhalten, man nutzte die Weisheit der Tiere und verehrte sie dafür.

 

Wužowy Kral- der Schlangenkönig

 

So entstand wohl auch der bei den Sorben so bekannte Schlangenkönig. Wenn man ein weißes Leinentuch auf eine sonnige Stelle legt, wird der Schlangenkönig seine wertvolle Krone dort hinlegen, um mit den anderen Schlangen zu spielen. Habgierige stehlen Sie, den Guten macht er sie zum Geschenk.

  

Diese "Krone" meint in Wirklichkeit die spezielle helle Stelle am Kopf der Ringelnatter, welche eine der häufigsten Schlangen in der Lausitz ist. Sie fütterte man mit Milch und eingeweichten Brotkrumen- eine Sage spricht von einem kleinen Mädchen, welches der Schlange immer mit dem Löffel auf den Kopf schlägt und sagt: "Miez, friss auch die Krumen!"

 

Die Sorben, sowie auch die Baltischen Stämme an sich, haben ein anderes Verhältnis zu den Schlangen- hier geht es nicht um List und Tücke- es sei denn der Mensch wendet sie an. Die Schlangen sind Glücksbringer, Haustiere und Wegbegleiter. In einem Landstrich voller Sümpfe wohl kein Wunder- die Schlange kennt wohl gar den Weg hinaus- und wieder einmal sieht sie das, was wir Menschen nicht wahrnehmen, die Sonnige Stelle im Dickicht des Lebens.