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Weihnachten bei den Sorben- das Bože dźěćatko und sein Ursprung


Ostern bei den Sorben ist ein Erlebnis- Traditionen und Bräuche in gefühlter Unendlichkeit. Es ist das wichtigste Fest der Sorben. Dementsprechend habe ich bereits hier über einzelne Bräuche berichtet.

 

Doch was ist mit Weihnachten? Für viele Menschen ist es viel wichtiger als Ostern- zum Frohen Fest gibt es doch viel mehr Geschenke, es ist viel bedeutender, es gibt viel mehr Essen... und Jesus Christus wurde da geboren- an Ostern wurde er zuerst an Karfreitag gekreuzigt und dann ist er aufgestiegen in den Himmel. 

 

Liegt es daran, das Ostern sehr viel mehr "Glauben" an etwas beinhaltet und für viele eher für den "Tod" steht oder warum ist in vielen Kulturen Weihnachten so viel größer in seiner Ausstrahlung? Ist es leichter an eine simple Geburt im Stall zu Bethlehem zu glauben als an den Tod und das danach noch etwas Großes passiert? Muss man vielleicht etwas "religiöser" sein, um Ostern so zu feiern, wie es die Sorben-hier vor allem die katholischen Sorben- tun? Reicht der allgemeine Glaube der Mehrheit nicht so weit, das man Ostern wirklich in all seiner christlichen Bedeutung nachvollziehen kann? Oder liegt es am Klimawandel, das das mit der Tag-und-Nacht-Gleiche eh nicht mehr zu stimmen scheint und keiner bei weißen Ostern in "Frühlingsstimmung" und somit in heidnische Aufbruchsstimmung für das neue Jahr kommt?

 

Weihnachten ist eh alles dunkel- heimelig. Selbst wenn es nicht mehr so kalt wird glaubt man immer noch daran, das das jetzt die "dunkle Jahreszeit" sein soll. Wie ruhig wir in diesem Jahr in der "Zeit zwischen den Jahren" noch werden dürfen steht noch aus- Zeit, um sich einmal mit weniger bekannten Weihnachtstraditionen zu beschäftigen bleibt genügend...

 

Weihnachten auf Sorbisch?

Die Sorben sind ein Ackerbauern-Volk in der Geschichte. Alles richtet sich nach den Jahreszeiten, somit auch nach der Länge der Tage und dem, was gerade von der Natur vorgegeben ist. Nach dem Erntedank und dem Totensonntag, die beide bei den evangelischen Sorben der Lausitz gefeiert werden, wird es still im Dorf. Jetzt ist Zeit für die Handarbeit am warmen Ofen. Spinnen und Nähen machen gemeinsam mehr Freude- man tauscht den neuesten Tratsch aus und es geht alles viel schneller von der Hand.

 

Traditionell treffen sich die Sorbinnen des Dorfes zur Spinte. Nicht nur an einem Abend, sondern gern öfters. Die Schafwolle und der Flachs werden nun verarbeitet, die jungen Mädchen lernen das Arbeiten mit Spindel und Spinnrad. Die Spinte als Begriff lernte ich noch als kleines Kind kennen- ich war aber nie dort, denn die Zeiten änderten sich und plötzlich gab es den Brauch nicht mehr. Auch das Federn schleissen fiel in die Wintermonate. Die Federn der Weihnachtsgänse wurden zu weichen Daunen verarbeitet, um dann Kissen und Federbetten damit zu füllen. Diese Geduld bringt heute kaum noch jemand auf und das Bettzeug wird im nächsten Möbelmarkt gekauft. Wer hat denn auch noch Gänse, die einzig der Verwendung als Weihnachtsbraten dienen?

 

In der Vorweihnachtszeit taucht plötzlich in einigen Orten, vorrangig aber im Schleifer Kirchspiel, ein verschleiertes Mädchen mit 2 Begleiterinnen auf. Sie trägt eine besondere Tracht, in Schleife gibt es extra die Tracht des- nun, wie richtig? Bescherkind? Christkind?

 

Schleifer Bescherkind oder Christkind Bild: Postkarte
Das Schleifer Christkind Quelle: Postkarte (Herausgegeben vom Haus für sorbische Volkskultur)

Die Bescherung der DDR-Politik

 

Vielleicht wissen Sie auch, wen ich meine. Viele Jahre kannte ich das verhüllte Mädchen, welches mit Rute und Glöckchen in ganz besonderer Tracht erscheint und Süßigkeiten an Kinder verteilt als Schleifer Bescherkind. Es war wie ein Wesen aus einer ganz anderen Welt- das gab es bei uns nicht!

 

Wir gingen in die Kirche, dann zu den Großeltern, die im selben Haus lebten, dann gab es eventuell die Geschenke im Schnelldurchlauf, denn dann wurde erstmal gegessen. Kartoffelsalat und Zunge, oder Wiener Würstchen gehörten zum Heilig Abend dazu. Mittags hatte es schon den Karpfen mit Saurer-Sahne-Speck-Soße gegeben. Von all dem habe ich den Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen behalten- und die Auffassung, das man an Heilig Abend gern auch schon etwas eher mit der Bescherung anfangen kann, dann hat man mehr davon. Aber den Gottesdienst konnten wir nicht auslassen- der gehörte zu Weihnachten einfach dazu, auch in der DDR in unserem evangelisch geprägten Dorf!

 

Schleifer Christkind Bild: Evangelische Kirchgemeinde Schleife (verlinkt)
Schleifer Christkind Bild: Evangelische Kirchgemeinde Schleife (verlinkt)

Aber zurück zu diesem mysteriösen Kind. Es kommt mit zwei Begleiterinnen in Tracht, da es selbst durch seinen Schleier nicht sehr gut sieht. Die Kinder streichelt es dreimal über die Wange, die Eltern und Großeltern bekommen einen leichten Schlag mit der Lebensrute auf die Schulter, der Gesundheit und Glück im Neuen Jahr bringen soll. Mittlerweile wird diese Tradition auch in anderen Orten und auf Weihnachtsmärkten wieder aufgeführt.

 

 

Das Schwierige daran ist, sich beim Namen zu einigen. Dort, wo es Tradition hat, will man vom "Bescherkind" nichts wissen- es ist das Christkind, das umgeht. Und nichts Anderes! Nur weil der DDR der christliche Bezug im Namen nicht gefiel, wurde aus dem Christkind, das sich bei den protestantischen Sorben im Schleifer Raum sowie in Jänschwalde bis heute erhalten hat, zur "Bescherung". Dabei geht es um die Segnung mit Hand und Rute und nicht ums "Bescheren", sprich "weihnachtliches Beschenken". Der Begriff Christkind wirkt allerdings im Zusammenhang mit sorbischen Trachten und evangelischem Glauben für den Laien erstmal sehr widersprüchlich. 

 

Christkind oder Weihnachtsmann? Was würde Luther sagen?

 

Das Christkind stellt man sich anders vor- als kleiner Rausche-Engel mit goldenen Locken und vorzugsweise im katholischen, westdeutschen Raum und der Schweiz. Ein Engel eben- keine verhüllte, mysteriöse Gestalt, die nicht spricht und nicht erkannt werden soll.

 

Vor der Reformation steht der heilige Nikolaus. Er bringt die Gaben am 6. oder am 28. Dezember- nicht an Heilig Abend oder dem ersten Feiertag! Bekanntermaßen hatte Luther aber ein Problem mit den Heiligen und ihrer Verehrung- und so wurde der "heilige Christ" zum neuen Gabenbringer und dies erfolgte am 25. Dezember. Die Vorgeschichte mit der Wintersonnenwende und das Jesus eigentlich nicht an Weihnachten geboren wurde kennen Sie hoffentlich- was an Weihnachten wirklich historisch korrekt ist, bleibt noch zu ermitteln- aber irgendwie passt es doch alles so schön zusammen und die Heiden mussten sich nicht gleich völlig umgewöhnen. Wir verdanken also Luther (oder seinen Anhängern) die Verbreitung des 2. Gabenbringers, der vorher auch schon existierte, dann aber erst populärer wurde. Über die Zeit wurde es dann ein hübsches, engelsgleiches Christ-KIND, bei dem kaum mehr der Bezug zu Jesus Christus erkennbar ist. Und es war zuerst protestantisch! 

 

Völlige Verwirrung stiftete dann der Weihnachtsmann, der den protestantischen Weg des Christkindes kreuzte und ihm die Arbeit mehr und mehr abnahm. Dieses disponierte um und verdrängte nun den heiligen Nikolaus aus seinem katholischen Einzugsgebiet- das Chaos ist perfekt. Christkind wird katholisch, Evangelische haben den Weihnachtsmann und irgendwo parallel wurde immer noch Jesus Christus nach Aussage der Kirche geboren, um den es eigentlich an Weihnachten geht. Sie merken- der Kommerz an Weihnachten beginnt da, wo die verschiedenen Anbieter in Konkurrenz treten- und der eigentliche Grund, wonach wir den kürzesten Tag und die längste Nacht mit Ritualen und reichlich Speis und Trank in Familie verbringen und dankbar für ein erfolgreiches Jahr sein sollten, ist vergessen. Oder wir beschließen alle, weniger zu konsumieren und wieder mehr Wert auf das "Familiäre" zu legen- willkommen zurück im Ursprung!

 

Das sorbische Christkind- ein Relikt aus einer anderen Zeit

 

So wie schon bei den zwei früheren Artikeln zum sorbischen Brauchtum wird wieder klar, wie sehr das Gebiet der sorbischen Lausitz wie eine Zeitkapsel wirken kann. Die protestantischen Sorben vom Schleifer Kirchspiel entwickelten in einer Zeit, als der erste Weltkrieg gerade vorbei war und etwas Hoffnung Not tat, eine Tracht und einen Brauch, der sich in dieser Form erhalten hat.

 

In anderen Orten gab es manchmal auch ein "Bože dźěćatko" ("das Kindchen"), es ist überliefert, das es eine Abwandlung der Brauttracht trug oder eben die Festtracht. Da jeder Ort seine eigenen Eigenheiten bei der Tracht hat und das "Kindchen" dasjenige Mädchen war, das als nächstes heiraten würde und bei der Spinte zum Christkind bestimmt wurde, würde also auch das "wiedergeborene" Bože dźěćatko niemals gleich aussehen- jeder Ort oder jedes Kirchspiel hätte sein eigenes Christkind in eigener Tracht. Immer verhüllt, immer mit Rute und Glöckchen sowie zwei Begleiterinnen.

 

Neue Traditionen erhalten alte Bräuche am Leben

Eine Tradition wird wiederbelebt- Bože dźěćatko mit Begleiterinnen 2019 beim Einsegnen in der Schwarzkollmer Kirche Bildquelle: offizielle Webseite Krabat-Dorf Schwarzkollm (Bild verlinkt)
Eine Tradition wird wiederbelebt- Bože dźěćatko mit Begleiterinnen 2019 beim Einsegnen in der Schwarzkollmer Kirche Bildquelle: offizielle Webseite Krabat-Dorf Schwarzkollm (Bild verlinkt)

 

Aber ist die Vorstellung, das neue Christkinder entstehen, nicht Unsinn? Wenn es keine Tradition mehr hat- wenn doch nur noch das Jänschwalder und das Schleifer "Bescherkind" bekannt sind- wo sollten da neue Christkinder herkommen? Nun- sie kennen uns Sorben noch nicht so richtig, wie mir scheint. Das Schleifer Bescherkind ist "vom Aussterben bedroht"- nicht, weil es nicht mehr es selbst sein will, sondern weil seit Jahrzehnten ein Kampf um die Existenz der ganzen Region um Schleife gegen den Braunkohle-Tagebau und das Abbaggern der Ortschaft stattfindet.

 

Gleichzeitig tauchen neue, wiederbelebte Christkinder auf- die auch gerne mal als Bescherkind benannt werden- in Orten wie Hoyerswerda, Zeißig und neuerdings auch in meinem Heimatort Schwarzkollm. Es scheint fast so als hätten wir Sorben in den letzten 15 Jahren einen fast schon eisernen Überlebenswillen entwickelt. 1400 Jahre Geschichte sind ein Erbe, das es zu erhalten gilt- und schon immer waren die Sorben gut darin, alte Bräuche und Traditionen ihrer Gesamtheit als Volksstamm auf irgendeine Weise nicht völlig ins Vergessen zu schicken. Wenn es in einem Ort nicht vergessen wird- solange ein letztes gallisches- Entschuldigung- sorbisches Dorf sich noch zur Wehr setzt, bleiben die Bräuche am Leben.

 

Gerade mein Heimatdorf hat in den letzten Jahren so Einiges "Neu" erfunden, um gegen das Vergessen zu wirken. Ob dies dann authentisch im Sinne von "ohne Unterbrechung durchgeführt" angesehen werden kann, ist fraglich. Aber alle Bräuche, die Sie heute bei den Sorben erleben können, waren mehrmals vom Untergang bedroht. Manches fand Jahrhunderte lang nicht statt- und heute fühlt es sich so an, als hätten die Sorben nie etwas anderes getan als zum Beispiel die Krabatsage zum Hauptthema einer ganzen Region zu machen. Das können wir sehr gut- Wieder Auferstehen. Vielleicht ist das der Grund, warum Ostern bei den Sorben so viel wichtiger ist- es steht für all das , was die Sorben in 1400 Jahren bewiesen haben. Man kann tot geglaubt sein, aber das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Und so lange wird das schweigende Christkind den weihnachtlichen Segen bringen!